Leseprobe

Aus “Tsunami - 120 Tage in Thailand” von Roland Quant

Es war ein sonniger, glatter Apriltag im Jahre 2006. Die letzten Stunden hatte ich im ICE von München nach Frankfurt am Main verbracht. Nun stand ich im Frankfurter Hauptbahnhof vor den Schließfächern. Es war finster, ein muffiger Geruch von Urin, vergammeltem Abfall und Reini-gungsmitteln lag in der Luft. Ich kramte in meiner Hosentasche nach dem Schlüssel für das Schließfach Nr. 7. Hier, in dieser schmuddeligen Ecke, fing eine Geschichte an, die mich bis zum heutigen Tag, an dem ich das hier schreibe, nicht losgelassen hat.

Als sich der Schlüssel leicht, ohne jeden Widerstand im Schloss drehte, wusste ich noch nicht, was ich in dem Schließfach finden würde. Klar war nur, warum ich her gekommen war und wem das Schließfach vorher gehört hatte. Und daran dachte ich in den letzten Sekundenbruchteilen, bevor ich die Tür des Faches ganz aufzog.

Wenigen Tagen zuvor, am 4. April 2006, war mein langjähriger Freund Ulrich Melzer im Gardasee ertrunken - zumindest galt er von diesem Zeitpunkt an als vermisst. Seine Leiche konnte in dem tiefen See nicht geborgen werden. Das erfuhr ich, als ich versuchte, ihn auf allen erdenk-lichen Wegen zu erreichen - erfolglos. Dieses tragische Unglück konnte nicht ungeplant gewesen sein, weil mir Melzer eben genau an diesem Tag, also dem 4. April 2006, aus Torbole am Nordufer des Gardasees den Schließfachschlüssel Nr. 7 und eine handschriftliche Notiz: “Frankfurt/Main, Hauptbahnhof!” per Post nach München geschickt hatte. Kein Wunder also, dass ich dringend versucht habe, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Schließlich zog ich die Tür ganz auf. In dem düsteren Loch fand ich au-ßer einem Stapel roter Plastikmappen noch einen dicken Brief von Melzer.

Ich machte das Fach sofort zu und schloss es wieder ab. Es gab für mich gar keine Möglichkeit, das ganze Zeug zu transportieren. Also ging ich eine Etage tiefer, in den Shoppingbereich des Frankfurter Haupt-bahnhofs und kaufte dort eine billige Reisetasche mittlerer Größe. Nach ein paar Minuten stand ich zum zweiten Mal an diesem Tag vor dem Schließfach und merkte, wie der widerliche Geruch sich langsam in eine Aversion gegen den Inhalt des Fachs umwandelte. Ich war nicht nur belästigt, sondern angewidert. Den Brief und die vielen Mappen verfrachtete ich in die neue Reisetasche. Das Zeug zu schleppen, brauchte meine ganze Kraft.

Zuerst ging ich damit in die DB-Lounge und öffnete den Brief von Ulrich. In dem großen Pappumschlag waren Schlüssel zu seiner Wohnung in der Leipziger Straße und eine Vollmacht über alle Konten - als ob ich das irgendwie nötig hätte, dachte ich zunächst. Anschließend fuhr ich mit dem Taxi in seine Wohnung und streckte mich auf dem blauen Sofa in Melzers Wohnzimmer aus.

Dieser fast schwüle, irgendwie drückende, unangenehme Apriltag hat sich wie eine langwierige Krankheit in meinen Knochen eingenistet. Ich bin heute noch nicht ganz gesund. So also fing die ganze Geschichte an.

In Melzers Abschiedsbrief stand folgendes: Zunächst informierte er mich über seine Beurlaubung vom Professorenamt an der Universität Frankfurt, die vom 1.4.2006 bis zum 31.9.2007 reichte. Diese Beurlaubung und ihr Datum, beides hat bei mir doch Zweifel an seinem Tod geweckt - zumindest deutete alles auf präzise Planung hin und wenn er überhaupt tot ist, so muss es Selbstmord gewesen sein. Dann wies er mich in dem Brief an, für Heike (seine Ex-Frau) und Tanita (seine Tochter) weiter gut zu sorgen. Daher also die Kontovollmacht. (Später sah ich, dass seine finanziellen Mittel sich in einem erheblich größeren Rahmen bewegten, als ich vermutet hatte.) Tanita sollte ich mitteilen, dass ihr Vater möglicherweise “längere Zeit weg” sei - mehr nicht. Seine Wohnung könne ich nach Bedarf nutzen. Er ging wie selbstverständlich davon aus, dass ich sie brauchen würde.

Weiter schrieb er, dass Prof. Dr. Platzer (der große Philosophie-Ordinarius in Frankfurt) ihm etwas schuldig sei. Darum könne ich, Andreas Sandler, zunächst durch Lehraufträge und dann durch die Vertretung der Melzer-Professur meinen Stand im Fach Philosophie verbes-sern. Ich zweifelte daran, ob ich das wollte.

Trotzdem machte ich alles dann doch ganz genauso so, wie Ulrich es vorgesehen hatte. Alle anderen Alternativen wären für mich langweiliger gewesen und hätten meine (fast krankhafte) Neugier schmerzlich unbefriedigt gelassen.

Die einzig wirklich unverschämte Zumutung, die mir mein Freund Ulrich dann in dem Brief zu Teil werden ließ, hat aber mit den genannten Punkten nichts zu tun. Hauptsächlich von Übel war der Inhalt der roten Plas-tikmappen; viele hunderte von Seiten teils handschriftlich beschriebenes, teils bedrucktes Papier, durchpaginiert und immer geradezu pedantisch mit dem Datum der Niederschrift und einem Hinweis auf Ort sowie auf das Thema versehen. Sein Auftrag lautete, ich zitiere: “Sorge bitte für die textliche Gestaltung und Aufbereitung und die redaktionellen Bearbeitung all dieser Textfragmente. Es soll als Buch veröffentlicht werden. Mehr wünsche ich mir nicht.” Na danke. Es dauerte Wochen, das ganze wirre Zeug auch nur genau zu lesen und überhaupt nur grob zu strukturieren. Als Grund für seinen Wunsch gab Ulrich an, dass die Blätter, ich zitiere wieder: sein “Vermächtnis an die Welt” enthalten würden. Das ha-be ich nach der intensiven Lektüre wirklich nicht verstanden. Und im Übrigen hätte ich Ulrich Melzer eine so merkwürdige und pathetische, ja profilneurotische Formulierung niemals zugetraut. Ein derart konfuses Romanfragment, als Tagebuch kaschiert, was soll das? Wahrscheinlich hielt er sich gegen Ende für einen neuen Stern am postmodernen Schriftstellerhimmel, vergiftet von den auflagenstarken französischen Schwätzern. Vielleicht hatte er auch ganz andere Probleme - aber was geht das die Welt und die Menschheit an? So oder so, mit diesem Auftrag war ich in der Pflicht. Daher sind die roten Mappen und dieses Buch hier letztlich eine Ehrensache. Nur ich konnte und musste das tun, was Melzers mutmaßlich letzter Wunsch und Wille war.

Allerdings hat mich seine Anweisung doch erheblich erstaunt und belastet. Schon deshalb, weil er zuvor aus eigenem Willen den Kontakt zu mir abgebrochen hatte und zwar bereits im Frühsommer 2004. Hinzu kommt, dass ich immer davon ausgegangen war, dass Ulrich Melzers philosophisches und publizistisches Werk seine wichtigsten Botschaften an die Welt enthalten würden - und zwar mit gutem Grund, was ich als habilitierter Philosoph durchaus beurteilen kann.

Ein weiterer Anlass meines Staunens lag schließlich in den roten Mappen selbst: Für mich als Freund waren sie überraschend, schockierend und erschütternd - wie wenig man doch seinen besten Freund kennen kann. Mir scheint, dass Ulrich Melzer die Grenzen der Möglichkeiten menschlicher Existenz bis hin auf das Gebiet des Unmöglichen, Undenkbaren, Monströsen, Unerträglichen, Bösen, Unbegreiflichen überschritten hat. Diesen Menschen habe ich so niemals gekannt.

Aber er hat mich nicht um ein Urteil, sondern um einen Gefallen gebeten.

Das war also meine Lage, nachdem ich das Schließfach ausgeräumt und den Inhalt Stück für Stück zu Kenntnis genommen habe. Nach etwa einem Jahr war ich mit den roten Mappen und der Reformulierungsarbeit im Groben durch. Dann hatte ich jedoch ein großes Problem zu lösen, nämlich Ulrichs literarisches Machwerk als Buch zu publizieren (die Eh-rensache also zu Ende zu bringen). Eigentlich nahm ich mir damals fest vor, das ganz pragmatisch zu machen. Ich wollte es als eine Art Reisebericht für zwei- oder dreitausend Euro in einem kleinen Verlag oder als Book on Demand drucken lassen. Damit wäre Ulrichs (vermutlich) letztem Willen Genüge getan und ich hätte meine Ruhe. Das habe ich jedenfalls versucht, es ist anders gekommen.

Der Grund liegt in meiner Person. Eigentlich hat Melzer für diese Aufgabe mit mir keine schlechte Wahl getroffen. Sein anderer Freund, Walter Bauer, ist Physiker und für so etwas gänzlich ungeeignet. Meine Wenigkeit, Dr. Andreas Sandler, Privatdozent für Philosophie, Jahrgang 1960, passt zu dem Job - ich bin Philosoph und Schriftsteller. Auf der philosophischen Strecke habe ich mir aber - trotz Habilitation - weder Ehre noch einen Job verdient. Ich habe auch in den letzten Jahren nicht mehr sehr ernsthaft versucht, auf eine Professur berufen zu werden. Mein philosophisches Schriftenverzeichnis ist leider etwas dünn, ja vielleicht sind meine Schriften sogar etwas flach.

Als Schriftsteller bin ich erheblich besser. In den letzten 15 Jahren sind bei einem renommierten Frankfurter Verlag zwei bissige Campus-Romane von mir herausgekommen (meine Uni-Lesungen waren damals Kult). Dann gibt es da noch ein gelehrtes, aber lesbares, philosophiegeschichtliches Unterhaltungsbuch. In den letzten Jahren habe ich allerdings nichts mehr Ordentliches zu Stande gebracht: einen Gedichtband (liederlich, zum Einstampfen) und zwei Bücher mit lauen Kurzgeschichten, ohne Biss.

Vom Schreiben könnte ich also eben so wenig leben wie von der Philosophie. Tatsache ist aber, dass ich leben kann, wie ich will, und eigentlich nichts tun müsste, weil ich ein kaum überschaubares Vermögen besitze. Woher? Ich bin Erbe einer bekannten fränkischen Sauerkraut-Dynastie (auch wenn mein Name, den ich von meiner Exfrau habe, darauf keinerlei Rückschlüsse mehr zulässt). Mein Erbteil habe ich zu Aktien, Rentenpapieren und gepflegten süddeutschen Immobilien gemacht. Das alles arbeitet jetzt automatisch. Es wird mehr, egal wie viel ich mir davon nehme. Aber diese Tatsache ist mir bis heute so gleichgültig, dass ich nie etwas an meiner studentischen Lebensform geändert habe. Bis heute lebe ich völlig frei in meinen Entscheidungen, ohne irgendwelche Konventionen.

Nur meiner Verpflichtung gegen Ulrich, der bin ich aus Pietät nachgekommen und wollte dann einen passenden Schmalspurverlag zu finden. Jedenfalls hatte ich es mir vor einigen Monaten noch so vorgestellt. Es kam aber alles ganz anders. Weil ich sowieso in Frankfurt war und in Ulrichs Wohnung lebte, hatte ich gegen Ende meiner Arbeit am Melzer-Nachlass den Lektor meines Verlages besucht. Der war schon früher für mich zuständig - damals, zu meinen besseren Schreibzeiten. Meine absteigende Karriere als (noch junger, neuer, deutscher) Schriftsteller stand dem mächtigen Verlagsangestellten klar vor Augen. Ihm schilderte ich die lästige Publikationsaufgabe Mitleid heischend und fragte um Rat. Natürlich hoffte ich, dass er irgendeinen kleinen Verlag kennt, der das alles möglichst schnell und billig macht - und so mein pietäres Gewissen beruhigt.

Und ich teilte ihm auch unmissverständlich mit, dass ich den Inhalt der roten Mappen für zweifelhaft und die Handlung (wenn man überhaupt von einer solchen im üblichen Sinne reden kann) für intransparent halte. Schließlich werden in den roten Mappen immer nur Bewusstseinszu-stände eines Akteurs in der Vergangenheit (Thailand) und eines Autors in der Gegenwart (meistens: Frankfurt) geschildert - und in beiden Fällen handelte es sich immer um die gleiche Person, nämlich um Ulrich Melzer selbst. Erschwerend kommt hinzu, dass diese ganzen Schilde-rungen in einer unüblichen, differenzlosen, ewig fortdauernden Gegenwartsform präsentiert werden. Das ist eigentlich öde. In meinen eigenen Romanen passiert jedenfalls mehr. Einen strikten Bewusstseinsroman konnte sich vielleicht James Joyce (Ulysses in 24 Stunden) leisten, aber kann das ein literarisch dilettierender Philosophieprofessor? Nein.

Außerdem, so sagte ich meinem alten Lektor, seien viele Passagen ein-fach nur pornographisch, pervers und nicht zuletzt auf unangenehme, abstoßende Weise monströs, kriminell und böse. Die gelungenen Reisebeschreibungen und die tiefgründigen philosophischen Reflexionen stünden doch in einem sehr merkwürdigen Kontrast zu all dem anderen zweifelhaften Zeug.

Als Beleg des Ganzen hatte ich für den Lektor (wie es sich gehört) ein kleines Exposé verfasst und einen Stapel originale Blätter aus den roten Mappen und meinen eigenen Text mitgebracht. Schließlich musste er sich selbst ein Urteil bilden können, wenn er mir einen passenden Verlag empfehlen sollte. “Gib mal her!”, sagte mein Lektor und griff sich erst die Blätter, dann mein Exposé und dann meinen Text. Warten. Er schaut es sich an, versank grade zu darin. Das Warten wurde mir peinlich.

“Es ist gutes Wetter, Du kannst im Palmengarten oder auf der Zeil einen Spaziergang machen. Wir treffen uns dann in zwei Stunden wieder hier. Ich habe zu tun!” Damit war ich offensichtlich entlassen. Lektoren sind ein unglaublich arrogantes Pack - auch meiner; nur noch durch Kritiker zu übertreffen. Aber im Palmengarten verrauchte mein Zorn ganz langsam. Was konnte mir schon passieren? Und schließlich hatte er Recht, das Wetter war wirklich wunderbar. Entspannt schaute ich von einer eisernen Bank auf den Weiher des Palmengartens in der Nähe des Ein-gangs, ein Ort den auch Ulrich sehr mochte.

Nach zwei Stunden und fünfzehn Minuten klopfte ich wieder an die Tür meines Lektors. Der hatte sich offenbar im Exposé und besonders in den Blättern aus den roten Mappen fest gelesen. Außerdem hatte er sich viele Notizen gemacht, die nun wirr um ihn herum auf dem Schreibtisch verteilt waren. Er zweifelte nach der Lektüre zwar sehr an der Authentizität der Blätter (er dachte, ich hätte das gemacht) - begann aber unversehens, an einem neuen Romankonzept für mich, für den Schriftsteller Andreas Sandler, zu basteln.

Hätte ich nur nie das Lektoratsbüro betreten!

Und so löste sich meine Absicht der Schadensbegrenzung durch eine billige Kleinstauflage des Textes einfach so in Luft auf. Ich habe dem Lektor zu wenig Widerstand geleistet. Als das Gespräch begann, hatte ich schon verloren. Zuerst fragte er mich, wozu Bücher taugen würden. Eigentlich ist es ja eine Frechheit, einem Schriftsteller diese Frage vorzuhalten. Daher gab er sich auch sofort selbst die Antwort:

“Was meinst Du, warum gehen Menschen überhaupt einer so absurden, weltflüchtigen, unproduktiven Tätigkeit wie dem Lesen nach? Natürlich deshalb, weil ihnen die eigene Welt nicht reicht, und sie daher zeitweise andere Welten brauchen. In unserem Kopf ist Lesen wie Leben. So, wie uns der Schlaf ein Traum-Bewusstsein beschert, so geben uns Bücher ein Lese-Bewusstsein. Die Menschen könnten mit ihrem weltlichen Wirklichkeitssinn nichts anfangen, wenn da nicht ein spekulativer Möglichkeitssinn wäre, der sie auf Phantasiereisen schickt. Da helfen wir mit unseren Büchern. Und was da angeblich Dein Freund Melzer hinterlassen hat, das ist ein Phantasiereise an den Rand des Möglichen, des überhaupt Denkbaren. Was hast Du dagegen? So etwas muss verrückt sein.”

Dann wies er mich (ohne mein Antwort abzuwarten) dezent darauf hin, dass ich bald meinen Kredit als aktueller deutscher Gegenwartsautor verspielt hätte, wenn nicht demnächst ein neuer Roman von mir auf den Markt käme. Er sähe in diesem Machwerk Potential genug für einen polyglotten, erotischen Roman mit philosophischem Tiefgang, und zwar genau auf dem Niveau der ZEIT-Leser. Halb gebildet, politisch orientiert und mit geistigem Führungsanspruch knapp links an der Mitte vorbei. Das sei die Zielgruppe, das sei nötig. Wir bräuchten in Deutschland un-bedingt einen neuen Houellebecq, der diese Tiefflieger korrekt depressiv-larmoyant bedienen könnte! Und Houellebecq spiele doch in dem Text sowieso eine wichtige Rolle. “Es wird dein Comeback werden!”, setzte er lockend mit hochgezogenen Augenbrauen hinzu.

Wegen der außerordentlichen (erotischen und moralischen) Brisanz des Textes sei allerdings für vollständige Anonymisierung und Maskierung zu sorgen - und so würde es dann ja auch schließlich ganz und gar mein Buch werden - rote Mappen hin oder her. “Die paar hundert Blätter sind doch für Dich ein geradezu angenehmer Weg zu einem gelehrten, por-nographischen Schundroman, den man gleichzeitig als Reiseliteratur, Wichsvorlage und zur philosophischen Erbauung nutzen kann.”

Mir blieb die Luft weg als ich das hörte. Lektoren sind skrupellos. Er muss gemerkt haben, dass das eine Umdrehung zuviel war. “Also, unter uns gesagt!”, fügte er nach dieser exzessiven Einlassung entschuldigend und leise hinzu. Meine Hinweise auf die mögliche juristische Brisanz der Texte tat er mit folgendem Hinweis ab: “Wenn die Konkurrenz ‘American Psycho’ unzensiert bringen kann, dann ist das hier schon gar kein Problem.” Damit war fast alles gesagt.

Nach unserer Entscheidung für das Buch hat der Alte sich noch großflächig über die neue Literatur ausgelassen. “Krausser, Kirchhoff, Berg - das reicht in Deutschland nicht. Keiner von denen bringt die öde Schärfe von Houellebecq, oder Beigbeder. Kehlmann und solche Leute sind doch nur bieder und brav, Musterknaben, auch wenn sie zweifellos ziemlich gut schreiben. Die Thailandbücher von Demski und Haslinger zielen auf was ganz anderes, das ist keine Konkurrenz für unser Thailand-Projekt. Sybille Berg ist in Ordnung, aber zickig; wir haben sie nicht bekommen. Und was ist, wenn man in den Rest der Welt schaut? Ich greife nur mal Murakami und Auster als Beispiele heraus. Der eine ist ein verkappter Mystiker und Gut-Mensch, der andere ein perfekter, glatter Schreibkonstrukteur mit einem Vatertrauma und sehnsüchtigen Suchtiraden. Und oft machen die doch immer nur das Gleiche, das Gleiche, das Gleiche. Die anderen hoch dekorierten Deutschen beschreiben momentan doch nur ihre widerwärtigen Alterungsprozesse unter diesem oder jenem Deck-mantel. Wer will das wissen? Warum also nicht einfach mal Schund mit Tiefgang machen. Kirchhoffs Schundroman war doch auch eine Spitzenleistung. Warum steht der so einsam da? Dass der unseren Verlag ver-lassen hat, das wird ihn bis ans Ende seiner Schreibereien ärgern.”

Eine zeitlang spekulierte er noch darüber, warum die Menschen für abseitige, depressive Texte - besonders die von Houellebecq und Berg - nicht nur bezahlen, sondern das Zeug vermutlich auch noch lesen. Eigentlich sei das für den gesunden Menscherverstand ja nicht zu erklären. Für ihn lag aber die Mechanik der Trüb-Sinn-Rezeption auf der Hand: “Wenn man sieht, wie schlecht es andern gehen kann, dann fühlt man sich gleich getröstet und besser. Je schwärzer der Text, desto intensiver der Trost. So ist das!” Und deshalb legte er mir ganz herzlich nahe, bei meiner weiteren Arbeit diesem offensichtlichen, sehr wirksa-men Marktmechanismus unbedingt Beachtung zu schenken.

Aber er war mit seinen guten Ratschlägen immer noch nicht am Ende: “Und noch was ist doch an der neuen Literatur auffällig!” sagte er. “Fast nie gibt es einen autornahen Protagonisten, der wirklich richtig böse ist, so wie früher bei de Sade. Sogar Bukowskis Helden waren doch letztlich versoffene feine Kerle, irgendwie gebildet und letztlich arme Hunde. Bei Murakami sind es immer brave Ich-Erzähler-Saubermänner, bei Auster vorbildliche Sucher, bei Kirchhoff zwar orientierungslose, aber doch ganz nette, desorientierte, abenteuerlustige Reisende. Bei Krausser sind’s Chaoten, Desperados, kultiviert oder nicht - aber keiner ist wirklich böse. Bei Berg ist nur die schwarze Umwelt wirklich schlecht, niemals die Her-rin der Handlung selbst. Houellebecq und Beigbeder - da sind die Prota-gonisten meistens gepflegte oder verrottete Zyniker und Depressive und zwar solche der gehobenen Klasse. In Deinem Roman könnte das Böse ganz neu zum Zug kommen. Das sehe ich doch in den roten Mappen. Das hat so noch niemand gemacht. Das ist jetzt dein Job, Sandler. Jetzt oder nie. Da musst Du noch was tun!”

So war das. Dabei sei es belassen. Das Gespräch kam an sein Ende.

Ich habe später weder die Kraft noch den Willen aufgebracht, ihn daran zu hindern, das Projekt der Verlagsspitze zu präsentieren und dann durch die Verlagskonferenz zu bringen. Denen hat er vermutlich aber etwas anderes erzählt als mir. Jedenfalls habe ich schnell einen Vertrag erhalten. Heute ist das Buch fertig, die Einleitung gleich zu ende. Mein Lektor hat es gegen meine und gegen alle anderen Widerstände durchgebracht und am Ende Recht behalten. Es ist - wie auch immer - etwas Besonders daraus geworden. Es muss sich nur noch zeigen, was die Leser denken, was sie sich für eine Welt mit diesem Werk machen.

Eine Komplikation habe ich selbst in das Buch eingebaut, der ganze Roman spannt sich nämlich zwischen den beiden Hälften des Tsunami-Tags Ende Dezember 2004 auf. Mit der Schilderung der ersten Hälfte wird gezeigt, in welcher Lage sich Ulrich Melzer in Thailand befindet. Dem folgen dann seine schriftlichen Ermittlungsarbeiten in eigener Sache, die den Lauf der Zeit zeigen. Die Orte Bangkok, Pattaya und Phuket sind die Bühnen des Dramas. Den Schluss bildet dann die Schilderung der zweiten Hälfte des Tsunami-Tages und des Lebens danach.

Abschließend fasse ich, der Bearbeiter Andreas Sandler, zusammen, was nach dem Verschwinden Ulrich Melzers an Tatsachen ermittelt werden konnte. Natürlich hat mich der Wahrheitsgehalt des Machwerks brennend interessiert. In den Melzertexten gab es viele Anknüpfungspunkte für Ermittlungen und allen bin ich nachgegangen.

Bei der Bearbeitung musste ich allerdings von der Form des Ich-Erzählers abgehen, sonst hätte ich es einfach nicht ertragen, das Buch zu schreiben. Daraus ist zu ersehen, dass die roten Mappen ursprünglich Ich-Erzählungen von Ulrich Melzer enthalten. Diese Texte wurden von mir so umformuliert, als ob ein Berichterstatter auf der Grundlage von Ulrichs Texten über ihn erzählen würde (schließlich ist es ja auch genau so).

Es wurde von mir viel weggelassen (semantischer Schrott und zu Gewagtes, wie auch viele Redundanzen und einige abseitige philosophische Exkurse).

Aber es wurde nichts Eigenes von mir hinzugefügt - außer den deutlich gekennzeichneten Hinweisen und Anmerkungen des Bearbeiters

Andreas Sandler.

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450 Seiten
ISBN 978-3-935259-04-0
Format 13 x 21cm, Paperback
18,90 €

TSUNAMI Cover

Der Krimi erscheint am 15.Dezember 2011 im worthandel : verlag
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