Leseprobe

Aus “Terror-Collage - Persönlicher Bericht über den 11 September 2001″

Roland Quant

World-Trade-Center / Als ich um 14.30 Uhr in Richtung Frankfurt fahre, hat John in New York seinen Sohn Walt schon eine Stunde in Obhut, nachdem er ihn früh morgens von Jane abgeholt hat. Heute hat John noch einen allerletzten Urlaubstag und daher Zeit für seinen Sohn Walt, der erst nächstes Jahr in die Schule kommt, aber schon lange Lesen, Schreiben und besonders gut: Rechnen kann.

Wie immer lässt John das Taxi einige hundert Meter vor dem World-Trade-Center anhalten. Die Stadt ist heute, am Morgen, schon gleißend hell, ein strahlender Septembertag, der Himmel zeigt ein zartes, kaltes Morgen-Blau. John hat Walt an der Hand, was der nicht so besonders mag, weil er doch schon groß ist. Nach ein paar Minuten erreichen Sie den Nord-Turm des WTC, sie fahren mit dem superschnellen Aufzug nach oben. Die verstärkte Gravitation lässt sanft ihre Knie einknicken.

Das alles machen sie heute nicht zu ersten Mal, es ist schon eine Art Ritual für die Beiden. John weiß schon jetzt, dass er zum Frühstück einen Fensterplatz im Luxusrestaurant ‘Windows on the World’ haben wird, den hat er immer reserviert. Walt braucht unbedingt diesen Platz, um sich einfinden, in dieser Welt, ganz oben. Er sitzt dann oft minutenlang schweigend am Fenster, redet kein Wort mit dem Vater, schaut auf das Meer, das heute wie ein Spiegel ist, in den die Schiffe einige scharfe Linien einziehen die das Morgenlicht brechen.

Immer wieder muss sich Walt durch das Schweigen und Schauen an irgendwie an John gewöhnen, an den abwesenden Vater, der jetzt eine neue Familie hat. Wie soll Walt auch verstehen, was zwischen seinem Vater und seiner Mutter passiert ist, wenn es nicht einmal die Erwachsenen wirklich verstehen? Zum Schluss bleiben immer nur Tatsachen übrig, mit denen jeder für sich irgendwie leben muss - zum Beispiel eine Scheidung. Interpretationen und Motive spielen sowieso keine wirkliche Rolle. Hilfe und Hoffnung gibt es nirgendwo, höchstens Gewöhnung und Rituale. Modalitäten, die Erträglichkeit herstellen.

John ist geduldig. Langsam steuert der Vater jetzt aber seinen Sohn dahin, dass bald eine Bestellung zu machen ist. Die mäßig freundliche Bedienung war schon zwei Mal an ihrem Tisch, sie denkt wahrscheinlich, dass Walt irgendwie zurückgeblieben, autistisch, kaum ansprechbar ist. Leicht asozial, obwohl sie in diesen teuren Laden hier sitzen.

Die beiden befinden sich nun also in einer schwebenden Zwischenzeit des Wartens, während ich in der gleichen Sekunde unruhig um 14.46 Uhr Richtung Frankfurt fahre, eine schwere Aufgabe vor mir, einen Plan in mir, einen Schlüssel neben mir. Anne weiß nicht, was sie erwartet.

Walt und John sollen da oben, im Nordturm des WTC nicht mehr dazu kommen, ihre Bestellung aufzugeben: Eine Erschütterung, die alle Gäste wie leblose Puppen, wie Dummys beim Crash-Test, durcheinander wirbelt, macht der der Welt von Walt und John, ja überhaupt: der Welt wie sie vorher war, ein abruptes, radikales Ende.

Aber die beiden finden sich schnell wieder. Walt ist völlig unverletzt aber ganz starr. Er schaut John mit großen Augen an, macht keinen Ton, rührt sich nicht. Der Vater muss sich orientieren, hat noch nicht mit dem Denken angefangen. Erst an dem Blut an seiner Hand bemerkt John dann etwas von seiner klaffenden Stirnwunde (die Walt natürlich gesehen hat). Er hat sich (blutig) über das Gesicht gewischt, greift jetzt eine Serviette vom Boden, macht sich sauber so gut es geht. Er fühlt keinen Schmerz, weiß jetzt nur, wo er seine Stirnwunde tastend mit der Serviette lokalisieren kann.

Die beiden sitzen orientierungslos auf dem Boden, kein Gefühl, nicht einmal Panik. Das wir erst noch kommen. Mit einem Arm hat John sein Kind an sich gedrückt, in der anderen Hand hält er jetzt sein Handy, er ruft seine neue Frau, die Lehrerin an, sagt etwas von Katastrophe, Unfall, Erdbeben, Explosion - und erlebt eine Überraschung. Sie weiß: Nichts! Sie will sich sofort kümmern, ist besorgt und wird ihn gleich zurückrufen, sagt sie. Versucht sie.

Es ist jetzt 8.50 Uhr in Manhattan. Zeit vergeht.

Und um genau 9.00 Uhr Ortszeit ruft Jane ihren Exmann an - sie hat gesehen, wie ein Flugzeug in den Nord-Tower des WTC geflogen und explodiert ist. Mit eigenen Augen. Die Erschütterung war bis in ihre Wohnung zu fühlen. Ein solches Flugzeugunglück war für Jane bis jetzt völlig unvorstellbar. Warum hat der Pilot nicht versucht, auf dem Wasser zu landen? Und sie weiß, dass sich Walt und John oberhalb der Unfallstelle befinden müssen, und sie weiß auch von der Physik, dass die Hitze der Explosion nach oben steigen wird!

Jane ist außer sich, zuerst kaum fähig zum Telefonieren. Nach einigen Sekunden denkt sie praktisch, es wird natürlich Rettung geben, Feuerwehr, Hubschrauber, wir sind in Amerika! Innen, denkt sie, wird die Hitze intensiver ansteigen, als außen. Jetzt hat sie ihren Exmann in der Leitung. Das geht also noch, es kann nicht so schlimm sein. Sie sagt John, dass er die Scheiben des Restaurants einschlagen soll, um der Hitze, die bald von unten kommen wird, einen Weg anzubieten.

Und vielleicht sind später die Fenster mit den eingeschlagenen Scheiben der Weg nach draußen, der Weg zu den Rettern! Bestimmt sind bald Hubschrauber mit Seilen und Rettungsleitern unterwegs, die die Menschen oberhalb der Unfallstelle bergen werden. Das alles kann doch nur eine Frage von Minuten sein, denkt Jane.

Die anderen, die Menschen unterhalb der Explosion, kommen ohnehin aus eigener Kraft nach unten. Zumindest gibt es ja Treppen und Notausgänge, wenn die Fahrstühle blockiert sind. So klären sich langsam die wirren Gedanken von Jane, ihr naturwissenschaftlicher Verstand und ihr amerikanischer Optimismus kommen zurück.

Aber schon um 9.10 Uhr Ortszeit Manhattan wissen Jane und John, dass auch der Süd-Turm des WTC von einem Flugzeug getroffen ist! Jane hat es ungläubig, bei offenem Fenster mich offenem Mund mit angesehen. Ihre Theorie von Unfall wird damit schlagartig hinfällig. So einen Zufall kann es unmöglich geben.

Die Bilder, die sie jetzt schon bei CNN sieht und die als Endlosschleife mit aktuellen Einsprengseln laufen - diese Bilder sehen gespenstisch aus: Beide Flugzeuge fliegen im Fernsehen nacheinander in die Türme, man könnte auf den ersten Blick fast denken, sie schneiden die Türme durch und kommen an der anderen Seite wieder heraus - und es brechen dann später einfach nur die Spitze ab. Aber so ist es nicht! Die Maschinen lösen sich vollständig, fast rückstandslos in den Türmen auf! Jane weiß, dass deswegen auch jeder Tropfen Kerosin in dem Türmen bleibt und dort mit zeitlicher Verzögerung sein höllisches Unwesen anrichten wird. Außerdem ist mit der zweiten Attacke auch jeder Zufall ausgeschlossen: Dies ist kein Unfall, das sind zwei geplante Terroranschläge.

John hat jetzt oben im Nordturm tatsächlich mit dem Sektkübel eine große Scheibe des Restaurants eingeschlagen, fühlt auch etwas Hitze von draußen, aber viel stärker fühlt er die Kerosinglut durch den Boden! Etwas von der Hitze kann tatsächlich nach draußen. Er macht nun am kaputtgeschlagenen Fenster mit einem Tischtuch Zeichen nach draußen - für die Rettungs-mannschaften, an die er immer noch fest glaubt, die er jede Minute dringend erwartet. Sein panisches Hirn gaukelt ihn schon Rettungsseile und Strickleitern vor, die es nicht gibt.

Nur an die Rettung von draußen kann er glauben, ist sich gewiss, dass die Rettung nicht von innerhalb des Turms kommen kann. (Hier irrte sich John übrigens: Auch vom Restaurant aus gab es noch unzerstörte Wege nach unten - aber das konnte er nicht wissen. Es wäre ganz einfach gewesen.) Mit seiner Seidenkrawatte hat er die Stirnwunde verbunden, sieht jetzt ganz verwegen aus, wie ein Pirat. Walt muss über seinen Vater lachen. John winkt und wartet, tröstet zwischendurch Walt, sieht Verletzte und Tote, versucht zwischendurch zu helfen, die anderen zu beruhigen. Versucht zu vermeiden, dass Walt das Schlimmste sehen muss.

Aber langsam, mit jeder Minute wird klarer: Es kommen keine Rettungsmannschaften und keine Hubschrauber! Gar keine! Und in diese Höhe schon gar nicht! Es wird stattdessen heiß. Sehr heiß. Haut wirft Blasen. Manche Orte im ‘Windows on the World’ sind glühende Höllen geworden, Menschen verbrennen sich und weichen aus. Der Platz wird eng. Tote schmoren an ungünstigen Plätzen, es richt nach verbranntem Menschenfleisch und Plastik. Und nach Kerosin. Er befiehlt Walt, nach draußen zu schauen.

John hat kein Interesse mehr daran, zu erfahren, dass um 9.43 Uhr das Pentagon getroffen worden ist. Seine neue Frau wird ihn nie mehr erreichen, ihn nie mehr sehen. Mit Jane spricht er eben ein letztes Mal. Von ihr hört er die Nachricht über das Pentagon. Wozu? Sie weiß inzwischen durch ihren physikalischen Verstand ganz genau, warum eine Rettung für Walt und John unmöglich ist: Das Kerosin wird den Turm erhitzen und das Stahlgerüst zum Schmelzen bringen - unter höllischen Turbulenzen. Kein Hubschrauber kann sich auch nur in die Nähe der Türme und der Thermik wagen! Es gibt um die Türme herum einfach keine ruhige Luft, in der die Hubschrauber fliegen könnten. Dass die Rettungskräfte nun unter Einsatz ihres Lebens die beiden Türme betreten haben, ist für John ebenso unbedeutend, wie der Treffer im Pentagon. Er und Walt sind oberhalb der Einflugschneise.

Jane weiß jetzt, dass es nur zwei Möglichkeiten für ihr Kind und für John gibt: Qualvoll, vielleicht stundenlang, zu verbrennen auf diesem glühenden Scheiterhaufen da drüben oder: im Bruchteil einer Sekunde sterben, in dem man das Inferno für immer verlässt, durch das zerschlagene Fenster. Und so sagt Jane zu ihm den letzten, den allerletzten, den gleichzeitig grausamen und humanen Satz:

“Du musst mit ihm springen!”

Und sie kann alles von außen sehen, mittlerweile sind die Medien mit starken Teleobjektiven in Position, eine Art Life-Übertragung des Infernos, des tausendfachen Todes beginnt. Sie sieht die anderen springen, fliegen, hilflos folgt die Kamera bis zum Aufprall.

Und so werden John und Walt Flieger, klammern sich im Flug eng aneinander, sind ganz unerwartet für immer zusammen.

Man wird sie so im Flug auf CNN sehen.

Minuten später wird das Weiße Haus evakuiert und um 10.05 Uhr Ortszeit bricht der Südturm des WTC in sich zusammen, um 10.28 Uhr der Nordturm.

Jane ist der einsamste Mensch auf der Welt.

Und ich kann jetzt, um 16.15 Uhr deutscher Zeit nicht mehr weiterfahren.

Im Deutschlandfunk hat sich jetzt das Bild der terroristischen Katastrophe für mich plastisch ausgeformt. Es ist zwar weit weg, aber ich richte trotzdem Unfug und Leiden an, kann nicht anders. Weil ich ein fataler Idiot bin, rufe ich mit meinem Diensthandy Jane an, das erscheint mir auch noch als sehr logisch und nahe liegend, schließlich wohnt sie da, direkt vor Ort. Ihre Wohnung kenne ich, eigentlich müsste sie die Türme sehen können! Ich will mich sachlich bei ihr informieren. Keinen Gedanken verschwende ich daran, dann die kühle Jane irgendwie direkt betroffen sein könnte. Sie hat in den Türmen eigentlich nichts verloren.

Ich wähle ihre Nummer, die Verbindung kommt auch zustande, gelingt dann aber nicht, denn es ist kaum Sprache, was von ihr zu mir herüberkommt! Sie ist offenbar voll mit Verzweiflung, Hass, Panik und Trauer - ich weiß nicht warum! Ich habe ihr jedenfalls gerade noch gefehlt in ihrem maßlosen Unglück. Sie will und kann nicht mit mir sprechen, die Verbindung bricht nach wenigen Sekunden, kaum dass sie mich identifiziert hat, ab. Erst morgen werde ich sie wieder erreichen können, ahne aber, dass sie mit dem Terroranschlag enger Verknüpft ist, als ich es mir dachte.