Leseprobe
Aus “Mandys Mörder” - von Roland Quant
Der Name der Frau
[Meersburg/Bodensee und Frankfurt/Main]
Den Sommerurlaub in der historischen Stadt am Bodensee haben meine Frau und ich mit der Familie meines Bruders gemeinsam geplant. Meine Frau kennt die kleine Stadt nicht, die sehr beeindruckend ist und zum Weltkulturerbe gehört. Die historische Altstadt innerhalb der Mauern ist völlig autofrei. Man geht zu Fuß, fährt Fahrrad oder man nimmt einen der kleinen, leisen Elektrobusse. Von denen hört man nur das Abrollgeräusch der Räder und ein Summen. Wie eckige, helle Gespenster ziehen sie durch die winkligen Gassen. Oberhalb der kleinen Seestadt läuft die Umgehungsstraße. Darunter, recht steil am Hang, zum Wasser hin, breitet sich der alte Stadtkern in seinen Mauern aus. Die perfekte Idylle wird heute nur durch wechselhaftes Spätsommerwetter getrübt.
Wenn man vom einen Ende der Stadt zum anderen will, nimmt man am besten einen Bus, der die Umgehungsstrasse entlang fährt, also oberhalb der alten Mauern. Man spart sich dann das holprige Pflaster der Stadt, die winkligen Gassen und ist ganz schnell da, wo man hin will. In so einem Bus sitze ich jetzt gerade mit meiner Frau. Nachher treffen wir beide uns mit meinem Bruder. Der wird jetzt schon unten im Eiscafe warten.
Meine Frau und ich führen eine Ehe, die erst in der so genannten Mitte den Lebens angefangen hat. Eigentlich war es (besonders in unseren Kreisen) eine eher verrückte Idee zu heiraten. Die Kinder, die wir mit anderen Partnern haben, sind schon fast erwachsen. Ein Haus braucht und will keiner von uns beiden und Geld hat jeder selbst genug. Ich bin Direktor eines Fraunhofer-Instituts, meine Frau arbeitet im Topmanagement einer großen Deutschen Bank in Frankfurt. Wir leben zu zweit in einer über 300 m² großen Jugendstilwohnung in den Nähe des Frankfurter Palmengartens. Also: Heiraten als purer Luxus! Natürlich hat auch jeder seinen Namen behalten. Wir sind eigentlich so eine Art Urlaubs-, Wochenend- und Feiertagsgemeinschaft, weil wird ja sonst immer arbeiten und die Wohnung meistens nur zum Schlafen nutzen.
Der kleine Elektrobus, darin wir jetzt sitzen, fährt auf eine Haltestelle zu. Wir reden nicht, sind beide noch in Gedanken versunken, hängen noch irgendwie in unseren Arbeitswelten fest. Heute ist für uns ja auch erst der zweite Urlaubstag. Ohne dass ich etwas sage, stehe ich nun auf, verlasse recht zügig den Bus, bin schon draußen, gehe einige Schritte. Jetzt erst suche ich gewohnheitsmäßig die Hand meiner Frau, aber ohne Erfolg! Ich bin offensichtlich zu früh ausgestiegen! Komisch, da stehe ich, merkwürdig allein, irgendwie blamiert, geistig zerstreut. Im Vorbeifahren sehe ich, wie die abwesenden Augen meiner Frau sich zu mir wenden, dann ein blitzendes Erstaunen ausstrahlen und sie sich mir voll durch die Scheibe des fahrenden Busses zuwendet. In ihrem Ge-sicht kann ich durch die Spiegelungen der Glasscheibe hindurch deutlich das Wort: “Idiot!” lesen. Wir pflegen also nicht immer freundschaftliche Umgangsformen. Sie ist dominant und direkt, launisch und hochmütig. Aber jeder Mensch ‘ist’ ja irgendwie. “Schöne Scheiße!” denke ich wenig stilvoll. “Das gibt Ärger! Jetzt muss ich den langweiligen Weg auf der Umgehungsstraße zu Fuß zurücklegen und die Zicke ist auch noch sauer. Doppelte Freude!”, so lässt sich mein Inneres vernehmen.
Weiter überlege ich mir dann, was es sie eigentlich gekostet hätte, mich einfach vom Aussteigen abzuhalten. Aber ich setzte mich jetzt schon auf der Straße in schnellere Bewegung und sollte in etwa zehn Minuten meine liebe Frau an der richtigen Haltestelle wieder finden. Die Minuten des Gehens dehnen sich, so sinnlos sind sie, um meine Nasenwurzel ballt sich wie eine kleine Faust eine ungute Emotion zusammen, von der ich noch nicht wirklich etwas weiß. Es muss wohl mit ihrem letzten Blick zu tun haben und mit dem letzten Wort, das ich darin gelesen habe: “Idiot!” Das passt nicht zu mir! Ich habe das Gefühl, die nächste, also die richtige Haltestelle, erst nach Stunden zu erreichen, gegen viele merkwürdige Widerstände im Raum. Aber das ist gut. Je länger es dauert, desto später werde ich sie sehen! In dieser gedehnten Zeit bereite ich mich (soweit das überhaupt möglich ist) auf die kühlen, arroganten Kommentare meiner Frau vor. Topmanager müssen das wohl auch im Urlaub so machen. Halluzinatorisch laut und deutlich ergeht dann der Befehl meines Bewusstseins an mich: “Nichts dramatisieren! Ruhig bleiben!” In jedem Urlaub entfernt sich der Alltags- und Arbeitsstress sowieso erst am vierten Tag. Davor sind Reibereien normal. In unserer Ehe bin ich eben der Ruhige, das ist mein Job.
Als mir die Bushaltestelle von weitem in dem Blick kommt, staune ich. Meine Frau ist nicht zu sehen. Anscheinende ist sie nicht da! “So schnell soviel schlechte Laune?” denke ich mir. “Und das im Urlaub? Sieht nicht so gut aus, heute!” Auf der Bank dieser Haltestelle sitze ich jetzt, ein wenig von allem verlassen und falle in ein unklares Warten. Unklar deshalb, weil meine Frau wohl kaum hierher zurückkommen wird, wenn sie schon vor wenigen Minuten nicht ausgestiegen ist, um auf mich (den Delinquenten) zu warten.
Hinter der Haltestelle befindet sich ein etwas verrottetes Cafe im hässlichen, gradlinigen Stil der 1970er Jahre. Gleich daneben, ein Sonnenstudio, Selbstbedienung, Münzautomaten, Röhren garantiert ewig nicht gewechselt. Aus den Leuchtkörpern kommt bestimmt nur noch Hitze. Ich weiß nicht warum, aber da hinein gehe ich nach einigen endlosen Minuten des sinnlosen Wartens. Ich lege mich 15 Minuten unter die ausgemergelten Röhren und die drei schlappen Brenner fürs Gesicht. Es ist hier wenigstens hell und warm. Am Schönsten ist das Gebläse.
Für ein paar Minuten lösen ich mich in einer luftigen Strandszene ganz unwirklich auf (vielleicht Lanzarote oder Fuerteventura?). Jedenfalls spürte ich fast schlagartig, dass ich plötzlich nicht mehr warte! Der Mohnkuchen, den es nach dem Sonnen im hässlichen kleinen Touristencafe nebenan gibt, ist pappig und der Cappuccino kommt aus einer Tüte. Das ist so ein billiges Cafe für Leute, die die Preise in der historischen Altstadt nicht bezahlen können. Arm! Na toll!
Ratlos schaue ich jetzt durch die schmutzigen Scheiben des Cafes über die Umgehungsstraße hinweg auf die historische Stadtmauer. Da sehe ich das Tor, den Durchgang, der sich auf meiner Höhe befindet. Dieser Weg in den pittoresken Stadtkern bietet sich mir jetzt an. Also zahle ich und gehe in den immer noch etwas grauen Sommertag hinaus. Mein Bruder wartet schon einige Zeit da unten in der Eisdiele - das sagen mir jetzt mein schwaches Gedächtnis und meine teure Glashüttearmbanduhr. Offenbar hatte ich ihn über den ehelichen Kalamitäten ganz vergessen. Er wird jetzt ungeduldig da unten an der gepflasterten Marktstraße sitzen.
Ich habe jetzt in diese Richtung gut fünf Minuten zu gehen und möchte natürlich langsam wissen, was eigentlich los ist. Von meiner Frau habe ich nichts gehört und nach allem, was passiert ist, wäre sie in der Informationspflicht gewesen. Sie hat mich verloren und sie sollte mich wieder finden. Aber ich werde sie jetzt trotzdem im Gehen anrufen und sehr freundlich fragen, wo sie momentan beliebt, sich zu befinden. Ob sie gar schon längst bei meinem Bruder unten sitzt? Wahrscheinlich! Dumme Nuss!
Telefonieren ist für mich eine Routineangelegenheit, auch wenn im Speicher meines Handys weit über 300 Namen und Nummern abgelegt sind. Um eine Person zu finden, gebe ich entweder in der Suchfunktion die ersten zwei oder drei Buchstaben des Namens ein, oder ich schaue im Speicher des Handys nach, wen ich zuletzt angerufen habe. Letzteres klappt oft, weil von den 300 Menschen doch nur 30 wirklich wichtig sind.
Aber: Jetzt geht all das nicht! Es funktioniert einfach nicht! Eine unheimliche Angst ballt sich nun in meiner Magengrube zusammen. Die kleine, böse Faust, die sich an meiner Nasenwurzel gebildet hatte, ist dafür zwar verschwunden. Warum? Meine Mimik hat gewechselt: In blankem Entsetzen reiße ich die Augen auf, während ich erstarrend das leuchtend blaue Display des Handys mit dem Blick fixiere. Die Welt um mich herum verschwindet durch einige lange Augenblicke - sie weicht einem stechenden Gefühl auftauchender Panik. Eigentlich sind mir Ängste und gar Panikattacken völlig fremd! Aber das hier ist eine!
So, wie wenn einem schlagartig klar wird, etwa beim 240 KMH auf der Autobahn, dass sich die Brieftasche mit Ausweis, Führerschein, allen Scheckkarten und 800 Euro in bar nicht mehr im Auto befinden. Drangvoll erinnert man sich, dass dieser Gegenstand von einem selbst kurz vorher auf das Mercedesdach gelegt wurde! Das waren die Sekunden vor dem Einsteigen und nach dem Bezahlen an der Kasse der Tankstelle. Man wolle nur noch kurz den Ölstand kontrollieren - und schon ist man eilig losgefahren, zum nächsten Termin.
Oder wenn man etwa im Audimax, vor 600 Fachkollegen einen Vortrag halten will und zwei Minuten vorher bemerkt hat, dass die die rote, dicke Mappe nicht das Manuskript der Rede und den USB-Stick mit der Power-Point-Präsentation enthält - sondern alle Unterlagen für die demnächst fällige Steuererklärung!
Solche stürmischen, ja panischen Gefühlswelten spielen sich nun, in mir, bei mir, hier im Urlaub ab, als ich den Namen meiner Frau im Handy suche! Ich finde ihn nicht! Aber ich kann ihn auch unmöglich gelöscht haben. Jetzt, nach zwei außerweltlichen Minuten, habe ich schon mit der Suchfunktion 18 Vornamen von Frauen ausprobiert und: Nichts gefunden! Eine erschreckende merkwürdige Gewissheit ballt sich panisch in mir zusammen: Ich kann meine Frau nicht anrufen, weil ich ihren Namen vergessen habe! Etwas hat sie in mir vollkommen ausgelöscht. Ich bin mir im Moment nicht einmal sicher, ob ich sie erkennen würden, wenn sie jetzt den Weg heraufkäme und vor mir stünde.
Es kommt ja vor, dass Menschen ihr Gedächtnis verlieren. Aber dass das Gedächtnis einen Menschen verliert, davon habe ich bis jetzt noch nichts gehört.
Meistens erweisen sich Panikattacken aber doch als gegenstandslos: Der Vortrag im Audimax kann sicher um eine Stunde verlegt werden, ein anderer Kollege springt ein, ein anderer Referent wird von der Kongressleitung vorgezogen und man merkt von den Ärger am Ende fast nichts. Ich kann in Ruhe meine Unterlage holen und trage einfach später vor. Die Brieftasche ist an der Kassen der Tankstelle abgegeben worden. Beim rasanten Anfahren ist es gleich vom Dach gefallen und ein freundlicher Finder hat sich darum gekümmert. Und wenn nicht: Schlimmstenfalls kann ich mir alles in einigen Tagen wieder beschaffen. Meine Identität ist jederzeit vollständig reproduzierbar, es kostet nur Gebühren.
Ich werde jetzt, bei diesen tröstlichen Gedanken schon ruhiger. Und so ist es schließlich auch hier, da bin ich sicher: In einigen Minuten werde ich unten bei meinen Bruder sein und der weiß den natürlich den Namen meiner Frau. Den kann ich dann im Handy suchen und sie dann anrufen. Aber wahrscheinlich sitzt sie schon längst beim meinem Bruder unten im Cortina! Ja, das ist es! Sicher macht sie sich jetzt, in dieser Sekunde, mit ihm über mich lustig. Das ist die wahrscheinlichste Variante. Also: Weiter gehen!
Wenig später komme ich im Cortina an. Mein Bruder sitzt drinnen, allein, raucht Reval und zeigt deutliche Anzeichen von Ungeduld, das kann ich schon durch die Scheibe von draußen erkennen. Dann bin ich drin und er spricht mich grußlos an: “Und? Ärger mit ihr?” so fragt er mich gleich, noch bevor ich mich setzen kann. Das tut er, um sich meine (wenig korrekte) Verspätung zu erklären und auch den Umstand, dass ich allein bin. Da ist seine Theorie die wahrscheinlichste. Eigentlich sollen wir ja hier zu dritt sitzen. Seine Frau und seine Tochter, sagt mein Bruder, nutzten momentan das schlechte Wetter und besuchten die warme Badetherme direkt am See.
Mir fällt dazu außer einem eher dämlichen Nicken nicht viel ein. Der Bruder weiß, dass meine Frau temperamentvoll ist und dass wir gelegentlich heftigen Krach haben. Urlaube sind ja für so etwas hervorragend geeignet. Ich sitze jetzt bei ihm und schweige. Aber so kann das hier ja nicht weiter gehen. Also werde ich meine Sorge los: “Du Bruder, ich habe meine Frau vergessen!” sage ich, um in der Angelegenheit irgendwie weiter zu kommen. Erst als mein Bruder schlicht und einfach “Wo denn?” fragt, werde ich mir darüber klar, wie falsch und neben der Sache meine Formulierung eigentlich ist. Also erstmal: Weiter Schweigen. Er schüttelt leicht den Kopf und zieht an der nächsten Reval.
“Durch den Wind, was?” fragt er dann nach einer freundlichen Pause, die mir Orientierung ermöglichen soll. Ich fange mich langsam wieder und sage nur: “Ja!” Dann setze ich mit aller mir im Moment verfügbaren sprachlichen Präzision an: “Ich habe den Namen der Frau vergessen. Ich kann sie nicht einmal anrufen!” Mein Bruder schaut mich an, als ob er einen Fremden vor sich hätte, die Kippe hängt im rechten Mundwinkel, seine linke Augenbraue geht skeptisch nach oben. “Welcher Frau eigentlich?” fragt er leise und ist jetzt doch schon ziemlich verstimmt (ungeduldig war er schon immer). Ich sage dann mehr als deutlich und entschieden zu laut für diese öffentliche Umgebung: “Den - Namen - MEINER - Frau!” Nun bin ich auch ziemlich aufgebracht, muss mich mühsam zurückhalten. Und so fällt düsteres Schweigen auf uns herab. Und später wieder: Schweigen. “Weißt Du Bruder: Verarschen kann ich mich selbst!” Dann nochmals: Schweigen.
Er wechselt jetzt (rhetorisch geschickt, ganz Geschäftsmann) das Thema, redet über die miese Konjunktur und dass der Anstieg in meinem Aktien-Depot, den ich ihm im Wochenrhythmus berichte, 100%ig nur ein Strohfeuer sei. An der Basis, also da, wo er als Mittelständler stehe, da sehe es momentan ganz anders aus. Ich als leitender Angestellter in der Forschung hätte da doch schon das große Los gezogen. Er schießt sich also auf die Beamten- und Öffentlicher-Dienst-Schelte ein. “Na danke”, denke ich bei mir. “Bei dem Stress, den ich da als Chef habe, kann ich dieses Gerede jetzt prima brauchen!” Aber nach außen, zum Bruder hin wahre ich ganz die Fassung, funktioniere wie eine freundliche Kommunikationsmarionette. Und mein Bruder hat so auch die nötigen Erklärungen für mein merkwürdiges Verhalten (er denkt, ich hätte einfach Ärger mit der Alten und bin daher durch den Wind, er war immer schon gegen diese überflüssig Heirat).
Außerdem hält er sowieso alle Intellektuellen für etwas weltfremd und verrückt, auch wenn es sich dabei um den eigenen Bruder handelt. Klischees sind immer stärker als Familienbande. Nach einer dann doch noch friedlichen halben Stunde verlässt er das Eiscafe. Wir haben uns mit trivialer Alltagskommunikation zerstreut, über die Firma, über Aktien, die Welt, seine Tochter und: Auto-Kauf-Pläne (ganz wichtig!). Das Wetter ist immer noch grau, dunstig, Feuchtigkeit kommt vom See hoch. Mein Bruder wird im Hotel seine Sachen holen und dann zu seiner Familie in die Therme gehen. Ich will nicht mitkommen, mir ist nicht danach. Ich bleibe noch im Cortina sitzen, rauche lustlos an einer geschnorrten Re-val herum und versuche mich immer noch und schon wieder an den Namen und das Gesicht der Frau, meiner Frau, zu erinnern.
Ein Freund von mir, Achim, ist Chefarzt in einer privaten psychiatrischen Klinik. Er behandelt nur reiche Irre. Gelegentlich haben wir darüber witzige, unterhaltsame Gespräche. Ich sehe jetzt auf dem Handydisplay seine Nummer. Eigentlich müsste ich nur die Taste mit dem kleinen grünen Telefonhörer-Icon drücken. Mein Daumen schwebt jetzt darüber - aber ich lasse es. Welchen Lauf werden die Dinge nehmen, wenn ich mir nicht von Achim helfen lasse? Eigentlich will ich das unbedingt wissen!
Ich beginne mich jetzt in etwas Neues einzufädeln. Und aus dieser Neugier heraus gehe ich auch nicht in unser Hotel direkt am See, dasjenige vor dem großen, steinernen Eingangstor zur Fähre hin. Es ist keine zwei Minuten von hier entfernt, ich kann es jenseits des Tores sehen. Sicher könnte mir dort die freundliche Dame an der Rezeption den Namen jener Frau nennen, die mit mir die seeseitige Suite im ersten Stock bewohnt. Diese absurde Situation brauche ich jetzt ganz bestimmt nicht, das fühle ich genau! Aber was ist denn jetzt eigentlich der natürliche Gang der Dinge? Wohin bewegen mich mein Hirn, mein Herz und mein Körper, wenn ich sie alle einfach nur machen lassen würde?
Es kommt auf einen Versuch an, denn ich sogleich starte: Zunächst lege ich meine Geldbörse vor mir auf den Tisch. Ich werde die Rechnung für meinen Bruder und mich jetzt bezahlen. Das ist nach drei Minuten erledigt. Dann sehe ich meine rechte Hand in die Hosentasche greifen, sie holt den Mercedes-Schlüssel hervor und legt ihm ebenfalls auf den Tisch, in die Region, wo jetzt nach dem Bezahlen immer noch meine Geldbörse liegt. Ich selbst, so scheint es mir, habe dazu nichts beigetragen. Nur der Beobachter, das bin ich! Was bedeutet wohl der Schlüssel auf den Tisch? “Na ganz einfach: Ich soll also nach dem Bezahlen gleich zum Parkplatz gehen, zu meinem Mercedes!” Der befindet sich natürlich außerhalb der autofreien historischen Altstadt, auf den Parkplatz vor der Seefähre und ist dort gut bewacht und gesichert (was den tragischen Verlust des Mercedessterns nicht verhindern konnte). Mein Körper kommt in Gang und genau diesen vorgezeichneten Weg nehme ich jetzt. Ich fühle schon nach den ersten Schritten, wie eine große Ruhe über mich kommt. Es gibt nicht die kleinste Spur von Panik in mir. Offenbar tue ich genau das Richtige. Der Fünf-Minuten-Spaziergang auf dem gepflasterten Weg, durch das große Tor der Stadtmauer unter den alten Bäumen her, der See in Sicht- und Riechweite, das alles ist in Ordnung, beruhigend, ja erlösend. Warum nur?
Nachdem ich mich dann ans Steuer meines alten S-Klasse-Mercedes mit der unhörbaren, samtweichen V12-Maschine gesetzt habe (ich sehe nur am Drehzahlmesser, dass der Motor an ist), ja, in diesem Sekunden fühle ich, wie ein zartes Lächeln meinen Mund umspielt. Es kann sich nicht entscheiden, ob es ein unverschämtes Grinsen werden will, oder ob es einfach so bleiben möchte wie es ist. Nun läuft also schon der Motor, von dem man innen nichts hört. Also los fahren, durch das Autogewirr an den gesicherten Eingang. Mit einem digitalen Chip öffne ich die Schranke, und drei Pylone senken sich wie von Geisterhand in die Erde. Freie Bahn! Nur: Für was?
Jedenfalls fahre ich nicht auf die Seefähre (nicht nach Konstanz), das steht ohne zu überlegen fest. Vielmehr führt mich mein zielloser Weg nach oben die Serpentinen hoch, durch die Weinberge, hin zur Oberstadt. Ich fahre auf die Umgehungsstraße und sehe die fatale Bushaltestelle (darin eine merkwürdige businessmäßig gestylte Frau in den mittleren Jahren sitzt und wartet), ich sehe dann das hässliche Cafe und den gläsernen Eingang zum Sonnenstudio. Schließlich komme ich noch an der Haltestelle vorbei, an der ich so falsch ausgestiegen bin. All das erscheint mir jetzt, beim Fahren, wie eine für immer versunkene Welt! Ich werde all das nie mehr wieder sehen!
Kurz darauf hat mich mein Mercedes auf die Schnellstraße gebracht. Sie führt nach Norden, weg vom See. Offenbar muss ich nach Hause, nach Frankfurt! Das sind knapp vier Stunden vom See aus. Während der Fahrt gebe ich dem Navigationssystem spontan ein Ziel ein - und zwar nicht unsere Wohnung, sondern ich suche: Frankfurt, Ziele, Sonderziele, Hotels: Das Hilton ist in Ordnung, das weiß ich genau. Es ist jetzt auch schon einprogrammiert. Ich genieße nun alles, das Wetter wird besser, die Sonne bricht erst durch einige Wolkenbänke, dann ist der Himmel blau, ja sogar die Klimaautomatik muss an die Arbeit!
Ich fahre ohne Stopp, wie auf Schienen und finde mich ein paar Stunden später vor den Einfahrt in die Tiefgarage des Hilton wieder. Hier aber zögert etwas in mir. Es wäre ja immer noch möglich, einfach zu unserer Wohnung hier in Frankfurt zu fahren und auf dem Klingelschild den Namen der Frau zu ermitteln. (Meinen eigenen habe ich ja nicht vergessen.) Dann könnte ich sie einfach anrufen, ihr alles erklären, einen Weg finden, was auch immer. Dieser Gedanke erscheint mir jetzt aber völlig absurd! Also fahre ich (nach dem ersten Hupen eines wartenden Autos hinter mir) zügig in die Tiefgarage des Hilton und gehe von der Unterwelt über schmuddelige Betontreppen direkt zur edlen Rezeption. Man schaut mich an, ich fülle den obligatorischen Beleg aus. “Gepäck?” kommt es von jenseits des Tresens. “Nein!” antworte ich.
Minuten später liege ich auf dem breiten King-Size-Bett, habe mir aus den Mini-Bar ein Henniger-Export und eine kleine Flasche Jack Daniels geholt. Damit mixe ich mir (zum ersten Mal im Leben) ein merkwürdiges, aber recht wirkungsvolles Getränk. Aus dem Humidor in der Suite entnehme ich eine kompakte Monte Christo, das klassische Format, und atme wenige Sekunden später etwas von den roten Böden Kubas ein. Eine euphorische Emotion dringt langsam in mein Bewusstsein, überspült es wie eine Welle. Nur der Form halber prüfe ich jetzt mit meinem Handy, ob mir der Name der Frau weiterhin verborgen, vergessen und verloren ist. Ich lege die Zigarre ab, trinke aus, bin glücklich!
Mit schweren Augenlidern frage ich mich, was zu tun sei und automtisch tauchen Antworten in meinem zerfließenden Bewusstsein auf: Die große Wohnung habe ich und nicht die Frau gemietet. Folglich kann ich sie kündigen, wann ich will. Der Jurist, mit dem ich mich bald verabreden werde (morgen!), hat unseren Ehevertrag entworfen. Also kennt er den Namen der Frau und kann auch die Scheidung regeln. Alles kein Problem! Ich muss damit nichts zu tun haben, außer einige Papiere unter-schreiben! Nun bin ich sehr glücklich, mein Weg hat sich gezeigt. Ich werde immer müder, der Schlaf zieht mich mächtig an sich, ohne dass ich merke, wie das Wachbewusstsein verloren geht, wie das Schlafbewusstsein kommt, wie der Traum die Herrschaft übernimmt.
Nach Jahren der traumschweren Nacht (so scheint es mir danach) wache ich erschrocken auf! Mein Herz schlägt nun hart und schnell, so, dass es in meinen Ohren dröhnt. Mein Atem geht stoßweise, mit der rechten Hand fasse ich mir an die Brust. Mein T-Shirt ist völlig durchnässt. Ich sitze aufrecht im Bett. Die Traumerinnerungen vergehen langsam mit den Schlägen den Herzens und der kaltem Nässe meiner Haut. Trotz des langsamen Vergehens kann ich den Traum nicht halten! Ich ziehe das Shirt aus und werfe es auf den Holzboden. Dann schaue ich mich um. Es ist morgen. Die Helligkeit der Sonne sickert schon durch die Lamellen der Jalousien. “Das Hilton hat aber bestimmt keine solchen Jalousien und bestimmt auch keinen solchen Holzboden!” durchfährt es mich.
Ich wende mich nach rechts und sehe eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie schläft trotz meines Lärms, den ich eben und bestimmt auch in der Nacht gemacht habe. Ihr Schlaf ist tief und fest. Ihre Haut hat in den zerfächerten Strahlen der gedämpften Morgensonne einen intensiven golden Schimmer. Sie sieht aus wie ein schöner, schlafender Buddha. Die Mandelaugen sind sanft geschlossen, um ihr Kinn und ihren Kuss-Mund zuckt es ein wenig. Unter ihren Liedern sehe ich die Traumbewegungen ihrer Augäpfel. “Es ist mit Sicherheit eine Asiatin. Das muss eine Thailänderin sein!” denke ich mit zunehmender Wachheit und abnehmender Orientierung. “Oder nein: Ihre Haut ist dazu viel zu hell! Es ist bestimmt eine Chinesin aus dem Süden!”
Etwas in meinem Kopf wirbelt jetzt durcheinander. Ich beginne jetzt richtig wach zu werden. Da wird es mir schlagartig klar: Ich kenne den Namen dieser Frau. Sie heißt Ao! Und natürlich sind wir in unserer Wohnung, wo auch sonst? Im Schlafzimmer. Über die Jalousien haben wir beim Einrichten etwas gestritten, aber ich habe mich in diesem Fall durchgesetzt.
Ich fühle eine unbeschreibliche Ruhe. Glück spürt man ganz hell zwischen Herz und Magen. Ich komme unter ihre Decke und kuschle mich eng an sie, Löffelchen. Wenn mich jetzt jemand sehen könnte: Mein Gesicht käme ihm vor, wie ein einiges breites, unglaublich unverschämtes Grinsen! Gut, dass es Ao nicht sehen kann. Nicht eine Sekunde verwende ich jetzt auf die Frage, was eigentlich Traum und was Wirklichkeit ist.