Leseprobe

Aus: “Karaoke-Box Nr. 826. Geschichten über das Fremde am Bekannten”
von Roland Quant

Die Gesichtstransplantierte in der Metro

Ein Irrtum ist völlig ausgeschlossen! Während ich mit der Pariser Metro vom Montmartre zum Louvre fahre, habe ich sie gesehen: die Französin, der nach einer grässlichen Verletzung durch ihren eigenen Hund ein neues Gesicht transplantiert wurde. Jetzt bin ich am Louvre angekommen, kann aber noch nicht hineingehen, weil ich zuerst schreiben muss. Ich sitze im Cafe Ruc, draußen tobt eine Anti-Israel-Demonstration vorbei, Israel hat (wie immer: vergeltungsweise) den Libanon angegriffen.

Ich lasse mich aber kaum von draußen ablenken, sitze an einem kleinen Tisch nahe dem Eingang und habe das ganze Lokal im Blick. Mit Füller und Papier führe ich mir die Frau in der Metro jetzt wieder vor Augen und lasse leere Blicke durch das Cafe schweifen, die immer ganz schnell wieder auf das Papier kommen.

Bevor ich hierher gekommen bin, musste ich aber genau wissen, dass ich mich bei der Frau nicht geirrt habe. Ich wollte die Möglichkeit ausschließen, dass ich nur einem Hirngespinst nachgehe. In einer Seitenstrasse in der Nähe des Louvre habe ich ein schmuddeliges Internetcafe gefunden. Nach nicht einmal zehn Minuten war der erste Satz dieser Geschichte verifiziert: Irrtum ausgeschlossen! Ich habe in der Metro genau diese Frau mit den neuen Gesicht getroffen, sie ist unverkennbar. Aufgrund von mehreren Bildern und Presseinformationen auf vier Websites und anhand von Berichten, die bis in den Mai 2006 reichen, bin ich mir jetzt ganz sicher.

Die Internetinformationen zeigen folgendes Bild: Die Frau ist jetzt um die 40, geschieden, hat zwei Kinder, die wahrscheinlich nicht bei ihr leben. Ihr Gesicht wurde von ihrem eigenen Hund völlig zerbissen, als sie nach einer Überdosis Tabletten bewusstlos in ihrer Wohnung auf dem Boden lag. Sie wachte auf und wollte sich eine Zigarette zum Mund führen - so bemerkte sie, dass keine Lippen mehr da waren. Dann sah sie das Blut auf dem Boden, blickte in den Spiegel, in genau jenen Spiegel, den sie (wahrscheinlich) bis zum heutigen Tage verhängt hat. Dieser Vorfall mit dem Hund war im Mai 2005, die Transplantation folgte im November 2005 und die neusten Informationen stammen aus dem Mai 2006. Die Frau ist wahrscheinlich einsam, sie hat vermutlich schon vor dem Unfall eine Depression gehabt (vielleicht durch die Scheidung und die Zerstörung ihrer Familie ausgelöst). Daher rührt ein Teil der Medikamente, von denen sie eine Überdosis eingenommen hat, eventuell in Selbstmordabsicht (das lässt sich aber nur schlussfolgern, die Internetdokumente geben das nicht direkt her).

Ich bin mir also sicher, das ist die Frau in der Metro! Dahin gehe ich auf den Papier, hier im Ruc, zurück. Die dunkelblonden Haare sind jetzt viel länger als auf den Internet-Bildern. Mit dieser Frau fahre ich drei Stationen. Ich stehe an der Haltestange in der Mitte des Wagens, sie sitzt drei Meter von mir entfernt, rechts, ich kann ihr Gesicht genau sehen.

Zuerst fallen mir die alten, unsteten Augen auf. Ängstlich, aber nicht eigentlich anwesend, sondieren sie - sozusagen der Form halber - die Umwelt alle zwei oder drei Sekunden. Aber ohne erkennbares Ergebnis. Während der zwei Minuten, die ich sie jetzt am Beginn aus den Augenwinkeln beiläufig beobachtete, bleibt ihr Blick nirgends länger hängen. Er kehrt immer wieder an einen Ort an der Innenwand des Wagens zurück, wo nur verschmierte Graffiti zu sehen ist. Oder sie blickt direkt nach rechts, wo sie meistens im Fenster ihr Spiegelbild sehen kann. An diesen beiden Orten verweilt ihre Aufmerksamkeit die meiste Zeit.

Aber dann spüre ich, wie meine verdeckte Beobachtung sie nervös macht und verlegen. Anscheinend ist die Frau darauf trainiert, Beobachtung durch andere wahrzunehmen - kein Wunder bei der Vorgeschichte. Sie wird aufgeregt. Abwechselnd und unmotiviert probiert sie jetzt Lächeln und verlegenes Wegschauen. Ihr Mund wird von einem nicht deutbaren langsamen Grimassieren ergriffen, so, als würde sie Emotionen üben, ohne dass sie gebraucht werden.

Nach vier Minuten schickt sie mir dann einen irgendwie fragenden Drei-Sekunden-Blick zu. Ich schaue zurück, in ihre alten Augen, in ihr Gesicht. Dabei fühle ich mich ertappt und getroffen, erstarre innerlich und kann mich aber nicht sofort abwenden. Die Zeit dehnt sich jetzt unendlich. In diesen Sekunden habe ich das Gefühl, festgenagelt zu sein. Ich muss das in groben Zügen zwar normale, aber eigentlich monströse Gesicht in mich aufsaugen, ob ich will oder nicht. Vom Solarplexus bis in die Herzgegend verursacht der Blick bei mir ein grelles, fast stechendes Schmerzgefühl. Ich komme ins Wanken, und zwar mehr, als die Fahrbewegungen der Metro erklären können.

Dann schaue ich weg, reiße mich los und frage mich, was ich eigentlich gesehen habe. Warum bin ich es, der nach diesem drei Sekunden einen winzigen Augenblick eher wegschaut, sich zurückzieht? Das Gesicht ist eigentlich weder hässlich noch monströs - aber wenn das Kunstwort ‘Zombie’ überhaupt einen Sinn hat, dann jetzt und hier.

Die etwas sorgengefaltete Stirn und die alten, operativ korrigierten Augen, werden von Narben und Schatten nach unten begrenzt. Seitlich sind kaum Wundmale zu erkennen, die Frau ist gut geschminkt und der Hals ist, passend für das Regenwetter, von einem Tuch bedeckt. Mein Schrecken wird von dem entzündet, das sich zwischen all dem befindet, dem neuen, aber fremden, untoten Gesicht. Es ist das schöne Gesicht einer toten jungen Frau, aber mit falschen Augen und schrägem Mund. Die vergangene Schönheit belebt sich nicht mehr. Nur ab und zu flackert sie beim Mienenspiel auf, wie eine verlöschende Kerze. Die etwas aufgedunsene wachsfarbene Beschaffenheit tönt die Schönheit brutal ab. Dagegen kann auch Schminke nichts ausrichten. Dass die alten, geschundenen und gehetzt dreinblickenden Augen nur aus dem Gesicht herausschauen aber nicht dazugehören, diese Tatsache löst einen Teil meines Schreckens aus.

In den Sekunden des Blickkontakts, in diesem Momenten gemeinsamen Lebens, entspinnen sich bei mir einige Gedanken: Sie weiß, dass ich sie erkannt habe. Und ich weiß, dass meine Beobachtung entlarvt ist. Ich bin Mitte 40, groß, schlank mit markantem Gesicht. Sie könnte sich für mich interessieren. Einen Moment überlege ich, ob ich mich einfach auf den freien Platz ihr gegenüber setze und ein wenig in die Weltgeschichte der Medizin eingreife. Mein Französisch würde dazu ausreichen - schließlich habe ich gestern an der Sorbonne einen philosophischen Vortrag auf Französisch gehalten. Heute habe ich in Paris nichts Besonderes vor, bin nur auf den Weg zum Louvre.

Aber wo könnte das hinführen, ein solcher Kontakt? Alles stünde sofort, mit dem ersten Wort unter den dunklen Stern ihres grausamen Makels (”Wie lebt es sich so, mit dem Gesicht einer Toten?”). Und meine nun fast schonungslos-direkte Beobachtung könnte sie provozieren (”Schauen sie immer merkwürdige Frauen in der Metro so lange an?”). Also ist das von jeder Seite her eine hoffnungslos verfahrene Situation.

Im Internet war nicht genau herauszufinden, ob Sie momentan wieder verheiratet ist. Trotzdem drängt mir meine gereizte Phantasie nach dem Wegsehen eine Pariser Affäre mit der Frau auf. Anstatt erst ins Internet-cafe und dann in Cafe Ruc zu gehen, hätte ich mich zu ihr setzen können, ihr schmeicheln und die Rede auf die merkwürdige Glaspyramide vor den Louvre bringen können. Sicher kennt sie auch das stillose unterirdig-gruft-artige Touristen-Shopping-Karussell unter den Louvre. Beides hässlich. Gemeinsam schimpfen verbindet und sie wäre dafür die Expertin gewesen. Sie könnte jetzt hier bei im Cafe Ruc sitzen! Der angenehme Nachmittag hätte mir dann abends die Tür zu ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung am Montparnasse-Boulevard geöffnet. Vorher hätten wir im La Rotande zu Abend gegessen. Von dem Restaurant hätte man die zwei Fenster ihrer Wohnung sehen können. Der singuläre Sex am Abend hätte dann den unverstellten Blick auf die Narben und das untote, helle Gesichtsfleisch unausweichlich werden lassen. Die Trennung und mein nächtlicher Abgang ins Sofitel wären gefolgt. Eine schmerzliche, schamvolle Taxifahrt hätte die Angelegenheit abgeschlossen, ihre Telefonnummer wäre im Taxi liegen geblieben.

Diese merkwürdigen Gedanken durchziehen in Sekunden mein irritiertes Hirn, während ich mir beim Wegblicken einen sinnvollen Gegenstand zum Verweilen suche. Mein Spiegelbild in der Metro-Tür fängt meine Aufmerksamkeit ein. Aber ich sehe durch mich hindurch, frage mich, wie viele Abschiede dieser Art die Gesichtstransplantierte bis jetzt schon erlebt haben mag? Die gelungene Operation in mehr Sex und mehr soziale Kontakte umzumünzen - das ist doch ein natürliches und legitimes Motiv. Warum hat sie die Operation sonst machen lassen?

Mir drängt sich nun, hier beim Schreiben in Ruc, der Gedanke auf, dass es ihr vor der Operation vielleicht besser gegangen sein könnte. Die Glücksforschung zeigt ja, dass viele Menschen nach schweren Unfällen mit drastischen Folgen ungefähr ein Jahr später ein ähnliches Gefühl der Zufriedenheit haben, wie zuvor - das gilt sogar für Querschnittsgelähmte. Offenbar hat jeder Mensch ein eigenes Glückniveau, zu dem er dann irgendwann wieder zurückkehrt. Welche Erwartungen muss die Transplantation in der Frau geweckt und gezüchtet haben?

Darüber will ich lieber nicht gründlich nachdenken. Ich frage mich beim Schreiben nur, ob die Ethik-Kommission, die diesen medizinischen Eingriff (laut Internet) gebilligt hat, dieses Szenario auf ihrer Rechnung hatte.

Mir bleibt auch, bis zu dieser Schreibminute, die Frage ohne endgültige Antwort, was eigentlich genau den Kontakt mit der Frau so heikel, gruselig und schlimm macht. Und ob das bei anderen Menschen ebenso ist, wie bei mir. Etwas in mir sucht, wie immer, nach der endgültigen Antwort: Aber merkwürdigerweise fallen mir jetzt beim Schreiben nur autistische Menschen ein und ich weiß nicht einmal genau, warum. Eigentlich hat das doch alles nichts miteinander zu tun. Aber als Wissenschaftler habe ich gelernt, auf Intuitionen zu hören, die sich ungebeten breit machen. Also habe ich Geduld, und warte, ob sich etwas entbergen wird.

Als nächstes denke ich an eine ganz bestimmte Theorie des Autismus, an eine neue Erklärung des Phänomens: Normalerweise ahmen die Menschen immer und zwar ganz unwillkürlich (ob sie wollen oder nicht) die Gestik und Mimik der anderen Menschen nach, die sie sehen, die um sie herum sind. Wir alles bilden nach und so verstehen wir - das ist fast so gut, als ob wir das Beobachtete selbst getan hätten. Dafür sorgt unser Gehirn. Anscheinend, so sagt die Hirnforschung, sind dafür so genannte Spiegelneuronen zuständig, die Nachahmung ist angeboren und läuft ganz automatisch ab. Man kann sich dem nicht entziehen. Das führt dann zurück zum Autismus: Bei autistischen Menschen ist dieser Vorgang aber gestört! Sie entwickeln keine spontanen sozialen Kontakte auf der Spiegel-Basis.

Conclusio: Vielleicht leidet mein Kontakt mit der Frau also daran, dass das, was ihre Mimik, ihr transplantiertes Gesicht den Spiegelneuronen nahe legt, nur Erschrecken und Durcheinander im Gehirn hervorruft - sozusagen sozio-biologische Anomie! Chaos! Die Spiegel-Brücke, über die das Verstehen immer gehen muss ist daher zwischen mir und der Frau erschüttert, wenn nicht gar eingestürzt! Vielleicht ist diese unwillkürliche Reaktion der Umwelt für die Frau viel schlimmer, als die direkte Abscheu, die ihr verstümmeltes Gesicht früher ausgelöst hat. Dem konnte sie (das steht im Internet) zuvor wenigstens durch eine Maske abhelfen. Jetzt muss sie sich zeigen, so wie sie ist.

Ich bin jetzt müde und deprimiert.

Die Energie der beiden Cafe Noir und der kleinen Havanna-Zigarre ist verbraucht.

Ich muss jetzt gleich meinen Füller zuschrauben.

Wo ist sie hingefahren?

Was sie jetzt wohl macht?

Mir bleibt der Louvre und ich werde die Mona Lisa mit ganz anderen Au-gen sehen.

Ich werde mein Gehirn exakt beobachten!