Leseprobe
Aus “Die Frau an der Wand”
von Roland Quant
Kommissariat im Bullenkloster / Der Eindruck, den Rolf Braun auf einen vorurteilsfreien Menschen machen würde (wenn es solche Mensche gäbe) ist merkwürdig: Drahtige Haare, Drei-Tage-Bart, lässige Kleidung, die auch ein kanadischer Holzfäller tragen könnte, mittelgroß, so um 180cm. Also eher unspektakulär. Niemand käme darauf, dass sich hinter diesem Äußeren etwas besonderes verbirgt, ein Popstar der Kriminalszene, ein Wissenschaftler vom Bösen, ein Kriminalpolizist, ein erfolgreicher Buchautor, der einmal Streifenpolizist war, ein Profiler, ein Tatortspezialist, ein brillanter Ermittler. Jemand, der es von der Straße mit einem polizeiinternen Förderprogramm über die Universität nach ganz oben gebracht hat. Aber wo ist schon oben?
Rolf Braun seht am Fenster des tristen Büros in Polizeigebäude (im Volksmund: Bullenkloster) schaut auf den Alleenring. Es ist eine namenlose Ruhe, es ist die Sekunde, bevor er weiß, dass er etwas tun muss. Ruckartig wendet er sich jetzt den Kollegen zu, seine Präsenz verändert augenblicklich die Schwerkraftverhältnisse im Raum. Braun strahlt eine Kraft aus, die auf jede Selbstdarstellung verzichtet, seine Haltung ist nicht ganz grade, aber der Kopf ist oben. Breite Schultern, kräftige Arme und drahtige Beine, die in schmalen Hüften enden. Das alles ist durch die Holzfällerklamotten kaschiert, aber trotzdem da. Braun neigt dazu, sich im Hinblick auf seine körperlichen Fähigkeiten bedeckt zu halten, hat aber aus Prinzip jede Kampfausbildung der Bundespolizei genossen. Brau strahlt gelassene Kraft aus, so wie man es tun sollte, wenn man Polizei ist. Alles ohne Demonstration, es hat es kein ostentatives Zeigen und Getue zu geben. So steht er jetzt, nach der Wendung vom Fenster da, heute, vor seinen temporären Arbeitskollegen, die seiner teilhaftig werden, weil er eine Feldstudie zu Tötungsdelikten im Rotlichtmilieu durchführt, vom BKA gewollt und genehmigt.
In Plastikbechern trinken seine Kollegen vom Morddezernat den Aldi-Champagner, von dem ihr merkwürdiger Kollege zwei Flaschen (gegen jede Dienstvorschrift) mitgebracht hat. Kriminaloberrat Steinmeier, der Dezernatsleiter, spricht Braun, das bescheidene, telegene Aushängeschild des BKA jovial an: “Bis auf den letzten Fall mit der toten Asiatin waren wir gut! Aber die wird wohl unser nasser Fisch bleiben. Oder?” Braun hasst diese anbiedernde Frage. Daher lässt er den Satz den Chefs für den Bruchteil einer Sekunde zu lange in der verqualmten Luft des Dienstzimmers hängen. Aber dann bequemt er sich: “Ja. Waren Sie. Und die Mafia ist immer ein bodenloses Geschäft für die Ermittler.”
Rolf Braun will an seinem letzten Tag hier im Bullenkloster nicht bissig sein, obwohl er sonst Biss hat. Sowieso ist der Fall eigentlich schon zu den Akten gewandert. Seine Anteilnahme zeigt er durch eine freundliche Frage: “Gibt es von den Bangkok-Leuten noch was zur Identität der Thai?” Hauptkommissar Altenburg beruhigt ihn: “Nö, wo denken Sie hin.” So will der gerne das Thema des ungelösten Mordfalls loswerden, es passt auch nicht zur Abschiedfeier und zum Aldi-Schampus. Irgendwie ist ihm dieser Braun erheblich unsympathisch. Immer in den letzten Woche der Zusammenarbeit war er ihm wie ein Zensor, wie eine Beurteilungsinstanz von oben – die aber unter dem sachlichen Deckmantel der kriminalistischen Wissenschaft daher kommt. Altenburg traut Braun nicht über den Weg. Mit diesem Mann ist etwas faul, auch wenn andere etwas anderes sagen, besonders sein Chef Steinmeier. Bei denen scheint der Glaube an Wiesbadener BKA-Leute unerschütterlich.
“Und die Spurensicherung hat in der Militärhalle garantiert kein Projektil gefunden?” fragt Braun völlig überflüssig in die eben noch gut gelaunte Runde von Kriminalen hinein. Der Profiler kennt den Bericht der Spurensicherung, hat eigentlich kein erkennbares Motiv für die Frage. Aber alle fragen sich, warum er den nassen Fisch wieder aufwärmen will. Der liegt doch gut auf Eis. Bei den Akten. Altenburg lässt sich zu einer Antwort herab: “Nö. Oder doch: Wir haben jede Menge Projektile gefunden, Kaliber 4,5. Von Gasdruckwaffen. Aber die Spielzeuggeschosse stammen von Schießübungen, die Halbwüchsige da veranstaltet habe. Kein Projektil passt zur Einschusswunde. Weißt Du doch.” Braun bemerkt nun langsam, wie auffällig redundant er sich verhält, spürt, dass er die Kollegen mit der Nase in etwas stößt, das doch nur ihn etwas angeht.
“Okay, Okay! Leute, sorry, ich will Euch nicht die Laune verderben und in Eurem Frust herumstochern, bevor ich mich in den Urlaub absetze. Aber…” Er zögert etwa so, wie wenn man einer Frau einen unsittlichen Antrag macht und das schon genau weiß, bevor man damit rausrückt. Braun schaut Steinmeier wie ein Bittsteller an: “Aber könnte mir Altenburg eine DVD mit allen Daten, Protokollen, Vernehmungsvideos, Tatortvideos und –fotos und den Obduktionsberichten und Bildern etc. etc. brennen?” Altenburg Augenbrauen gehen ebenso erstaunt wie belästigt nach oben, drängen sich seinem schütteren Haaransatz entgegen. “Hallo! Urlaub!”, meint der nur und ist bockig. “Na ja, vielleicht ist mein Urlaub ja langweilig und mir fällt zu meinem neuen Buch nix ein”, so versucht sich Dr. Braun irgendwie durch die peinliche Situation durchzumogeln. “Manchmal brauche ich einfach kriminelle Inspiration.” Genug der Devotionalien. Pause.
Braun schaut nun nicht den stocksauren Altenburg an, sondern Steinmeier, den Chef, ihm will er seine heikle Bitte unterjubeln, Hauptkommissar Altenburg ist nur subaltern. Brauns verlegenes Grinsen ist kaum wahrzunehmen. Steinmeier ist ein Fan von Braun, überlegt lange – ihm ist klar, dass das alles mit ‘legal’ nichts zu tun hat – und sagt: “Altenburg, mach das für ihn, und Klappe halten. Dann hat er wenigstens ein Abschiedsgeschenk, bei dem er an uns denkt!” Er schaut kurz und direktiv zu Altenburg rüber, der aussieht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Aber der nickt nur und hält die Schnauze. Was sollte er auch Steinmeier entgegnen? Etwa eine Rechtsbelehrung abhalten? Altenburg nickt Steinmeier zu, geht zu Braun, um noch mal – Plastik an Plastik – mit ihm anzustoßen und freut sich auf die Zeit, wenn der komische Schnüffler wieder weg ist.
Den Versammelten dauert die Verabschiedung ohnehin schon zu lange und sie hat nun am Ende auch noch eine ganz unangenehme Note bekommen. Altenburgs wesenloser Verdacht gegen Braun wurde noch mal bestätigt. Und überhaupt: “Soviel Aufhebens wegen eines Edel-Praktikanten aus dem Stab den BKA, es reicht. Der war ja nur drei Monate hier”, denkt Altenburg. Steinmeier sieht Brau anders: “Cleverer als die meisten von mir ist der Kerl ja. Aber die Sacht mit der Thai, unseren Schuss in dem Ofen, das hätte er jetzt nicht so hoch hängen müssen.” Aber das behält der Chef für sich.
Also: Es neigt sich einem Ende zu.
Die Versammlung löst sich auf, Braun geht schnurstracks an Altenburgs PC, der schickt Uschi, seine Sekretärin, einen DVD-Rohling suchen. Den Brennvorgang verbringen Altenburg und Braun ziemlich einsilbig mit der Beobachtung des Balken auf dem Bildschirm, der den Arbeitsfortschritt symbolisiert.