Diskurs über virtuelle Liebe
Wenn man Frauen über das Internet sucht, dann wird man innerhalb weniger Monate von diesem Medium, von seiner Struktur zunächst ein wenig beglückt, dann dominiert und schließlich terrorisiert – fast nichts kann man dagegen machen. Eine zwanghafte, perfektionistische Wehrlosigkeit stellt sich ein. Suche wird Sucht, Körper werden sich gleich, der Ekel vor weiblichen Menschen steigt, man sollte den Stecker rausziehen.
Heute verwalten die besten digitalen Partnerbörsen im Internet gleich Millionen von sogenannten ‘Partnerprofilen’ und bieten dazu komplexe psychologisch- und ergonomisch fundierte Suchfunktionen. Neu.de, Pharship und Elite-Partner können das. Dafür werben sogar Professoren im Fernsehen. Verwissenschaftlichung als Professionalisierungsstrategie für Partnerbörsen, wie schön! Theoretisch abgesegnetes Blendwerk, rational, vernünftig, überzeugend.
‘Internet-Börse’ ist für die ganze Veranstaltung auch genau der richtige Begriff, weil die Marktförmigkeit der temporären Vermittlung von Sexualkontakten darin eine ganz neue, konsequent moderne Form gefunden hat. Die ökonomische Kampfzone des Marktes und der Globalisierung wird auf das Geschlechterverhältnis mit digitalen Mitteln ausgeweitet. Das ist ein Großversuch, dessen Folgen nicht abzuschätzen sind. Es wird auch bemerkenswert wenig von den Kollegen darüber geforscht – und wenn doch, dann anwendungsorientiert, was dann ordentlich Geld in die Kassen der armen Professoren spült.
Meine Erfahrungen in diesem Bereich sagen mir, dass 80% der Nutzerkarrieren beim Internetdating sehr gleichförmig verlaufen (Karriere ist, wie sich das Engagement auf dem Markt mit der Zeit entwickelt). Es beginnt immer und bei allen mit einer Art nicht akzeptierter Einsamkeit und natürlich mit großen Träumen. Und das Tragische ist, dass weder das Eine noch das Andere im Verlauf einer Nutzerkarriere völlig auszurotten ist, weder Einsamkeit noch Träume kommen zum Verschwinden. Im Gegenteil: Diese Daumenschreiben werden einem in immer neuen Windungen hart in Fleisch gepresst.
Es braucht es nur noch ein PC mit Internetanschluss und schon ist man in seiner tragischen Nutzerkarriere mitten drin. Diesem Anfang folgt ein tagelanges Experimentieren mit den eigenen Texten und Bildern, die einem von der besten Seite zeigen sollen, ohne (direkt) zu lügen. Wenn man das alles erst einmal hat, dann mischt man bald in einem halben Duzend digitalen Partnerbörsen mit und ist (wahrscheinlich das erste und letzte Mal in seiner Nutzerkarriere) wirklich so richtig zufrieden. Allerdings nur mit sich selbst.
Und genau an dieser Zeitstelle teilen sich dann schlagartig die Nutzerkarrieren in Geschlechts-, Alters- und soziale Klassen auf, die ganz unterschiedliche aber typische Schicksale mit sich bringen. Der Grund sind die biografischen Konstellationen, die unweigerlich aufeinander treffen: Die mittelschichtigen, passablen jungen Frauen bis 35 wollen natürlich reiche junge Karrieremänner mit schnellen Autos, die nicht nur fürs Wochenende geliehen sein sollten! Die Männer sollten unterhaltsam, schön, reich und sportlich sein. Diese Frauen denken also weiter, die Einsamkeit soll sich in einem realisierten, lebenslangen Traum auflösen.
Genau diese Männer im virtuellen Fadenkreuz werden aber niemals ein Motiv entwickeln, solche Partnerbörsen ernsthaft zu nutzen! Sie kriegen nämlich alles, was sie an Weiblichkeit brauchen, viel leichter anderswo, nämlich in ihrem wohlstandsverwahrlosten Luxusambiente. Wenn sich diese begehrten Männer dann aber trotzdem im Netz aufhalten und gar zeigen, dann nur aus Jux, Verlegenheit, Langeweile oder weil sie mit den anderen reichen und schönen Jungs eine böse Wette (über dumme Internet-Tussis) laufen haben.
Das droht dann also den passablen, gebildeten Frauen bis 35. Aus dieser fatalen Konstellation entsteht für die meisten verträumten, einsamen hübschen Mittelschichtfrauen eine neue Erkenntnis. Der Phase “Einsamkeit und Träume” folgen dann bei allen einige kühle Phasen der Ernüchterung und Enttäuschung. Und ich bin sicher, dass diese Phasen bei den schönen Frauen sehr ähnlich ablaufen (wenn sie nach einem Jahr nicht den Märchenprinzen gefunden haben.)
Abkühlung Nr. 1 ist die bohrende Frage, ob Frau nach allem, was an Reinfällen in den ersten Monaten bei den real-dates passiert ist, überhaupt noch menschliche Kontakte über das Netz wagen soll. Gerät man als suchender Mann an solchen frustrierten jungen Frauen, die einiges durchgemacht haben, blickt man in Schicksale, die sofort ziemlich transparent sind. Das Mitteilungsbedürfnis ist enorm, man spricht mit ihnen nur über andere Männer. Man sieht den zerrütteten Trostbedarf, vermisste Streicheleinheiten. Was man da erlebt, das ist letztlich nur etwas für ausgebuffte, notorische Helfer-Naturen – also Gut-Menschen wie mich, die aber letztlich dann alles nur schlimmer machen. Solche Frauen-Versteher sind gefährlich, weil sie letztlich nicht nur einer helfen wollen, sondern am besten mehreren und parallel.
Dann folgt bei den schönen Frauen (und auch bei anderen frustrierten Netz-Suchern) Phase Nr. 2 der Abkühlung, bei der sie unbedingt mehr Distanz zu den Objekten ihrer Begierde schaffen müssen, um es überhaupt noch auszuhalten. Denn es war bis jetzt meistens schmerzhaft. Die Schmerzen und die Nerven müssen jetzt kontrolliert werden. Durch Distanz. Also täuschen viele schöne Single-Frauen vor, dass sie auch gerne Singles bleiben möchte. Sie zeigen in verlogener Weise, dass es nicht dringend bei ihnen ist. So wollen gleichzeitig einen Selbstschutz erreichen, aber auch gerne Testläufe mit Männern fahren und eigentlich die Begehrlichkeiten der Anderen erst richtig aufkeimen lassen durch den Abstand und die vermeintlich Unerreichbarkeit. Sie wollen reizen, sich eine größere Aufgabe schaffen, den Haken so krümmen, dass keiner mehr davon weg kommt.
In der nächsten Stufe der Ernüchterung, der Phase Nr. 3, will man dann noch mehr Abstand und gibt vor, in einer festen Beziehung zu leben – angeblich will man nur mal plaudern, will etwas Kontakt. Das ist wie Waschen ohne nass zu werden. Verzweifelte Unverbindlichkeit.
Ganz am Ende, nach zwei oder drei Jahren, also in der Phase Nr. 4, werden die schönen Frauen (und auch die meisten anderen, weniger schönen) dann wieder ganz ehrlich. Es geht ihnen dann nur noch um fremdes Fleisch oder Geist oder Geld – und zwar vorübergehend. Möglichst: Alles zusammen. Erwartungen hat man sich zu Verbieten, sie sind Beziehungsterror, verwerflich und zwanghaft. So zeigen sie sich. Meistens geht es aber einfach nur um Sex und viele Frauen sagen das auch und werden auf diese Weise wie die Männer. Und Männer sind, wie Sie sehen, nicht der Glanzpunkt unserer Spezies, besonders die Gut-Menschen nicht.
Die ausgebrannten, abgekühlten schönen Frauen sind dem Netz-Terror oft hilflos ausgeliefert. Das alles kommt für sie einem Offenbarungseid gleich: Jedes kulturelle Kapital, das die Frauen in den digitalen Tauschhandel einbringen könnten, vernichten sie damit vorsorglich gleich selbst. Denn in Wahrheit ist keine Frau nur auf Sex aus. Wenn doch, dann ist es nur eine (von ihr) unbemerkte Lüge. Aber das alles ist dann, in dieser desolaten Endphase, auch sowieso egal.
07. April 2009 um 12:35
hallo roland,
hm… ich habe den blog jetzt zweimal gelesen und irgendwie macht sich in mir immer mehr protest breit. sind die thesen nicht stark verallgemeinert und aus dem gesamtkontext gegriffen? das, was hier beschrieben wird, sind doch eher die negativbeispiele. luxus-affine tussis bis 35 mit wenig hirn aber mit viel “vorzeige-potential” sind doch nur ein kleiner teil der großen internet-dating-welt…..
ich denke, hier ist noch viel platz für weitere theorien, die sich im übrigen auch auf das real life übertragen lassen…. internet ist nur bissl schneller und oberflächlicher…. die selektion ist einfacher und anonymer… zugegeben….
wie wäre es mit einer analyse der ganz normalen frau, die vielleicht nicht zu den claudia schiffers dieser welt gehört? ich spreche hier aus eigener erfahrung… es gibt auch hier lügen, falsche versprechungen und mehrgleisige verhaltensweisen… nciht nur bei den ladies… auch bei den herren der schöpfung.. nur ist für mich das internet eine wunderbare sache, um kontakte zu menschen zu knüpfen, die sogar nach phase 1-4 zu verdammt wichtigen menschen werden können. manchmal klappt es sogar mit der großen liebe *zwinker*
also….. her mit den neuen theorien und analysen….
grüße
stefanie
07. April 2009 um 13:11
hallo steffi,
die thesen sind sehr stark verallgemeinert. und sie haben keinen individuellen bezug. es steckt fast nicht persoenliches drin. damit hast du recht. es ist als nicht zwangslaeufig, dass es allen so geht. aber: ich kenne einige, die in eine solche virtuelle tretmuehle geraten sind und viel mehr verloren als gewonnen haben.
gewiss gibt es viele nicht-claudia-schiffer-frauen, die das virtuelle suchen gut in ihr leben einbauen - und davon vorteile haben, weil sie viel arbeiten und wenig zeit zum suchen habe. du hast also viel recht mit deiner kritik.
ich ueberlege: warum habe ich das geschrieben? antwort: um den suchern die hoffnung zu nehmen. ohne hoffnung lebt es sich viel besser und sicherer. und der virtuelle beziehungsmarkt ist ein hoffnungsmaschine und davon lebt er und da holt er sein geld. hoffnung macht erwartung und erwartung macht enttaeuschung und enttaeuschung macht: traurig… es ist einprogrammierte depression.
gruesse von
roq
11. April 2009 um 22:02
hallo roland,
da ist sicher etwas dran: “hoffnung macht erwartung und erwartung macht enttaeuschung und enttaeuschung macht: traurig… es ist einprogrammierte depression.” aber auch dies halte ich wiederum für zu einseitig betrachtet…. sicherlich sind die “partner-such-geld-druck-maschinen” im internet für deren betreiber etwas wunderbares, weil sie mit der hoffnung eine vielzahl von menschen geld machen…… aaaaaaber: es KANN funktionieren. und wie sagt man so schön??? die hoffnung stirbt immer zuletzt.
schau: angefangen bei den guten alten partner-anzeigen in der tagespresse, über videotext-anzeigen und partnervermittlungen aus dem katalog bis hin zum live-versuch in einer bar oder halt internet….. überall ist ein bissl hoffnung im spiel…. und das ist auch gut so. mit ein bissl hoffnung und wunschdenken hält man/frau sich doch auch am leben, oder? die hoffnung sollte immer bleiben, ansonsten kannst du dich in deinen keller einsperren und nie wieder raus kommen.
vielleicht ist es die verbissenheit, die man/frau bei der internetsuche (oder allen anderen versuchen an den mann oder an die frau zu kommen) ablegen sollten. weil eines ist klar: erstens kommt es anders und zweitens als man denkt… und genau das ist das spannende….
also lass die leute sich im internet tummeln…. lass sie geld ausgeben oder nicht…. lass sie träumen und die zeit des kennen lernens genießen…. das gibt so ein unglaubliches glücksgefühl…. dem natürlich auch enttäuschung folgen kann…. dann ist es aber auch wie im echten leben….. und da spielt ja bekanntlich die meiste musik *zwinker*
also nicht depressiv werden, sondern fröhlich und munter an die tasten und menschen kennen lernen…. und manchmal ist tatsächlich ein brauchbarer neuzugang dabei…..
grüßle
stef
12. April 2009 um 08:07
Wie allermeist ist es nicht die ermöglichende Technik, die das Elend gebiert, sondern die Art, wie Menschen sie nutzen. Wer glaubt, durch den bloßen Abgleich von Datenmasken, Checklisten (”Beuteschemata”) und Erwartungen nun gleich das partnerschaftliche Glück zu finden, ist hoffnungslos auf der Fehlhalde! (Dem Suchprofil der “akzeptablen” Frauen unter 35 stehen ja entsprechend anspruchsvolle Erwartungen der Männer gegenüber: jung, schlank, straff, sehr weibliche Formen, unkompliziert… )
Doch die Geste der Suche an sich vermittelt bereits den Status der Bedürftigkeit und der ist vor allem eines: UNEROTISCH!
Aus meiner Erfahrung sollte man sich das einfach schenken und nur solche Coms aufsuchen, die mehr bieten als Kontaktmöglichkeiten und Datenabgleich. Zum Beispiel Foren, in denen man sich umfänglicher und frei von Erwartungen austauschen kann. DA ist es dann je nach Einsatz durchaus möglich, als Persönlichkeit wahrgenommen und ab und an dann auch mal als der, der man ist, begehrt zu werden.
Das aber meinen die meisten, vermeiden zu können: zuviel Aufwand, zuviel Einsatz, zuviel “sich zeigen”…
13. April 2009 um 08:35
[...] Thema, das offenbar Millionen bewegt, hat Roland Quant aufgegriffen und in seinem Blog-Beitrag “Diskurs über virtuelle Liebe” eine recht pessimistische Sicht der Dinge zum Besten gegeben: “Es beginnt immer und bei allen [...]
28. April 2009 um 12:49
Ein wunderbar treffender Text. Genau nach meinem Geschmack! Weiter so!